Wie feministisch bin ich eigentlich — ein paar Gedanken zum Weltfrauentag

Am Anfang standen Egoismus und Egozentrik

Eigentlich hatte ich mich bereits in meiner Jugend als Feministin bezeichnet. Warum ich dies tat, weiß ich nicht. Natürlich war mir eine Gleichberechtigung von Mann und Frau wichtig. Die Komplexität des Ganzen verstand ich nicht. Was intersektioneller Feminismus ist wusste ich erst recht nicht. So richtig interessierte es mich dann auch nicht. Es ging mir doch gut. Ich war ein Mädchen, das aus bürgerlichem Hause kam, Deutsche, ich ging auf ein Gymnasium, hatte eine behütete Kindheit und hatte nicht das Gefühl wegen meines Geschlechts beispielsweise meinem Bruder gegenüber benachteiligt zu sein — im Gegenteil: meine Eltern verwöhnten mich mehr als ihn. Ob das an meinem Geschlecht oder an meiner Persönlichkeit lag, lasse ich nun mal so stehen. Ich bin durchaus komplizierter als mein Bruder.

In jener Blase aus Egoismus und Egozentrik bewegte ich mich sehr lange. Vielleicht tue ich es bis heute. Aber ich weiß, dass ich hierbei nicht egozentrisch und egoistisch sein darf. Es geht nicht um mich, sondern um die gesamte Gesellschaft; nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Und Feminismus muss intersektionell sein. Denn es gibt auf der Welt einfach noch mehr als nur Mann und Frau. Ich höre zu und lerne täglich. Dass wir noch lange nicht am Ziel sind und wir den Weltfrauentag unbedingt brauchen, ist selbstverständlich.

Gendergerechte Sprache

Als Linguistin muss ich doch ein paar Gedanken auch dazu loswerden. Sprache schafft nämlich Realitäten. Oder um es nach Kant‘scher Kritik der reinen Vernunft auszudrücken „Anschauungen ohne Begriffe sind blind“. Das war mir eine lange Zeit gar nicht so klar, denn mich hat das generische Maskulinum nicht so sehr gestört. Als weiße privilegierte cis-Frau habe ich aber auch leicht reden. Ich kann das auch erst seit 2020 korrekt. Check your priviledge, Lisa!

Lisa, du bist antifeministisch!

Diesen Vorwurf musste mir tatsächlich schon anhören. Dabei ging es um zwei Dinge. Zum einen ging es um dabei um mein Äußeres: meine Liebe zu Kleidern, die über das Knie gehen, zu Ballett, zu zarten Stimmen, zu langen Haaren. All dies sei doch nicht mit Feminismus zu verknüpfen.

Natürlich ist dieser Vorwurf Blödsinn. Es geht ja darum, dass jede*r sein kann, wie er*sie möchte. Eine Feministin muss also keine Hosen tragen oder kurze Haare haben. Ich verteufle letzteres natürlich nicht. Ich gefalle mir nur so besser.

Ein weiterer Vorwurf, und der gab mir mehr zu knabbern, lag daran, dass ich nach der Geburt meines ersten Sohnes erst einmal zu Hause bleiben wollte und sie nicht direkt in eine Fremdbetreuung geben wollte. Das sei ja total antifeministisch. Schließlich gebe es so tolle Möglichkeiten für Mütter wieder in den Beruf einzusteigen. Da ich noch studiert habe, war jener Vorwurf etwas an den Haaren herbeigezogen. Ich bin absolut für familienergänzende Betreuung und kann es auch verstehen, wenn eine Frau recht schnell wieder in ihren Beruf einsteigen möchte. Sie ist dann auch keine schlechte Mutter. Ich wollte nur gerne bei meinem Sohn sein. Womit wir bei dem Thema über Care-Arbeit wären.

Seit ich Kinder habe, erlebe ich allerhand Antifeministisches

Seit ich Mutter bin habe ich das Gefühl mich für alles rechtfertigen zu müssen. Dass ich zu Hause bin, dass ich arbeiten möchte, dass ich eigentlich drei Kinder möchte, dass die Familienplanung nun doch abgeschlossen ist. Dass mein Mann zu Hause ist und sich um die Kinder kümmert, kocht und backt, ist wiederum das Tollste auf der Welt. Ja, es ist toll. Versteh mich hier bitte nicht falsch! Aber er muss sich nicht für alles rechtfertigen. Seine Kochkünste machen ihn zum Superman!

Jungsmama

Ich habe Söhne und keine Tochter. Ich frage mich des Öfteren, was für ein Frauenbild ich meinen Jungs vorlebe, und was für Männer ich mir wünsche, dass meine Jungs werden. Ich versuche so wenig sexistisch wie möglich zu erziehen, aber auch ich habe Stereotype in meinem Kopf.

Nein, ich bin nicht stolz

Ich bin nicht stolz auf diesen Artikel bestehend aus Unsicherheit und Halbwissen und ohne Botschaft, außer dass Feminismus uns alle angeht.

In diesem Sinne: Alles Gute zum Weltfrauentag!



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