Albas Übergewicht unter dem Korb
 
Fünf Siege aus fünf Ligaspielen, den großen FC Bayern und die noch größeren San Antonio Spurs geschlagen: Seit 2005 ist ein Berliner Team nicht mehr so stark in die Saison gestartet. Wo liegen die Gründe des Traumauftakts der Albatrosse? Text: Jannes Schäfer An dieser Stelle (http://3meter5.de/?p=2144) wurden Zweifel angemeldet, ob Alba tatsächlich das Zeug habe, die starke Form aus der Vorsaison zu konservieren. Den Berlinern war das herzlich egal. Sie knüpften nahtlos an ihre starken Leistungen aus 2013/14 an. Also stellt sich die Frage nach einer Erklärung. Vorweg: Es ist sehr früh in der Saison. Nach so wenig gespielten Partien ist allenfalls ein erster Trend auszumachen. Der darf sicher nicht überbewertet werden. Aber: Für den Einfluss des neuen Personals sowie eine Neuausrichtung des Spielsystems gibt es erste Anhaltspunkte. Anhaltspunkte für eine Entwicklung, die ihren Ursprung bereits im vergangenen Jahr nahm, die in ihrer Ausprägung aber doch neuartig ist. Kein Team hat bisher so viele Punkte in der Zone erzielt wie Alba, gleichzeitig nahm bisher niemand so wenige Dreipunktwürfe wie die Berliner. Zwar ist es nicht neu, dass die Albatrosse wenige Dreier werfen. Natürlich hat die Mannschaft mit David Logan und Jan Jagla die Dreipunktschützen des Vorjahres verloren. Aber auch Reggie Redding und Cliff Hammonds halten sich bisher auffällig zurück. Stattdessen verlagert sich das Spiel der Berliner in dieser Saison – deutlich stärker als noch in der vergangenen – unter den Korb. Siegen über Ulm und Bonn, zweier Playoffteams aus 2013/14, stehen Spiele gegen vermeintlich und vergleichsweise eher schwache Mannschaften (nichts für ungut!) aus Göttingen, Bayreuth und Crailsheim gegenüber. Egal aber, ob systematisch bedingt oder den bisherigen Gegnern geschuldet: Nach fünf Spielen ist das Team von Sasa Obradovic als einziges noch ungeschlagen, kann auf die beste Feldwurfquote und die effizienteste Offensive der Liga verweisen. Die Teamverteidigung ist ähnlich erdrückend wie zuvor – das aber war durchaus zu erwarten. Überraschung: Angriff Überraschend scheint deswegen eher, wie stark Alba Berlin auch im Angriff agiert. In diesem Ausmaß war das nicht abzusehen. Soll also etwas hinein gelesen und der erfolgreichen Saisonstart nicht ausschließlich auf die gespielten Matchups zurückgeführt werden, so lässt sich diese offensive Entwicklung auf zwei Ebenen betrachten. Zum einen ist es die neue Dominanz auf den großen Positionen, die Berlin in diesem frühen Stadium auszeichnet. Mit Jamel McLean kann Coach Sasa Obradovic auf einen technisch sehr versierten Lowpost-Scorer bauen. In Bonn mauserte sich US-Amerikaner vom Power Forward zum Vollzeit-Center und zu einem der besten Rebounder der Liga. Mit 2,03 Meter Körpergröße weist McLean keinesfalls Garde-Maße für einen Fünfer auf, ist aber stark genug, um defensiv gegen die Großen dieser Liga zu bestehen. Offensiv hat er einen klaren Vorteil in punkto Beweglichkeit, positioniert sich tief in der Zone, wartet auf das Anspiel und kann nach einer schnellen Drehung um die eigene Achse problemlos abschließen. Dass McLean die Liga in den vergangenen beiden Spielzeiten in Freiwürfen pro Partie anführte, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass er eben kaum ohne Foul zu stoppen ist, wenn er sich diese tiefe Position erst einmal erarbeitet hat. Levon Kendall, McLeans Vorgänger, war als Power Forward eher aus der Mitteldistanz gefährlich. Kendall und Leon Radosevic bildeten das vielleicht wurfstärkste große Duo, das die BBL im vergangenen Jahr zu bieten hatte. Unter dem Korb allerdings wiesen sie einige Defizite auf. Mit McLean, der tiefer im Post agiert, und Radosevic, der gerne aus der Mitteldistanz abschließt, bieten sich Obradovic jetzt ganz andere Möglichkeiten. Und auch McLean persönlich kann sich, anders als in Bonn, auf die Kernaspekte seines Spiels konzentrieren. „Meine Rolle hat sich verändert“, sagt er selbst. „Ich muss nicht mehr so viel tun wie noch 2013/14. Hier kennt jeder seine Rolle. Anstatt offensiv Aktionen zu forcieren, kann ich darauf warten, dass sich das Spiel von selbst entwickelt.“ Diese neue Freiheit nutzte der Big Man bisher für 12,4 Punkte, 7,2 Rebounds und – hier zeigt sich die deutlichste Steigerung – 3,0 Assists pro Spiel. Und das in durchschnittlich gerade einmal 23 Minuten Spielzeit von der Bank. Genau wie McLean gibt auch Neuzugang Marco Banic keinen echten Center. 2,04 Meter groß und mit einem unsicheren Sprungwurf, ist er irgendwo zwischen den beiden großen Positionen gefangen. Bisher gereicht das Alba aber keinesfalls zum Nachteil, denn vermeintlichen physischen Defiziten kann der Kroate mit einer großen Portion Abgeklärtheit begegnen. Mit 29 Jahren befindet er sich im besten Basketballalter, gilt aber als zweitältester Spieler und dank seiner Erfahrung auf hohem europäischen Niveau als der Veteran im Kader. „Ich bin der Neue hier, deswegen konzentriere ich mich darauf, dem Team mit meiner Intensität in der Verteidigung zu helfen“, beschreibt Banic, was er zum Teamerfolg beitragen kann. „Ich denke aber, dass ich auch eine gute offensive Option bin. In diese Rolle möchte ich Schritt für Schritt hineinwachsen.“ Seine Trefferquote von 88,9 Prozent aus dem Feld wird sicher (stark) zurückgehen, aber offensichtlich befindet er sich auf einem guten Weg. Das eigentlich Paradoxe aber: Der, der am ehesten als traditioneller Center durchgehen würde, spielt offensiv oft eher den Part des Power Forwards. Während sich McLean und Banic am Zonenrand positionieren, stellt Leon Radosevic die Blöcke für Cliff Hammonds, Alex Renfroe oder Reggie Redding. Wo viele Center in Richtung Korb abrollen, um im besten Fall mit Autorität abzuschließen, rollt Radosevic am liebsten in Richtung Freiwurflinie. Dort schließt er mit Vorliebe per sicherem Sprungwurf ab. Optisch eine Augenweide und bei 49,5 Prozent Trefferquote aus der Halbdistanz 2013/14 auch deutlich überdurchschnittlich erfolgreich. Denn: Der Ligaschnitt für verwandelte Würfe aus der Halbdistanz lag in der vergangenen Saison bei 37,5 Prozent. Keine echten Center McLeans schnelle Bewegungen, Banic‘ abgeklärte Wühler-Qualitäten und Radosevic‘ Treffsicherheit aus der Mitteldistanz bilden einen guten Mix für Berlin. Vor allem den Wurfqualitäten von Radosevic kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu. „Leon ist nicht nur ein aggressiver Verteidiger, er hat auch einen guten Wurf“, so McLean. „Das hindert den Gegner daran, die Zone dichtzustellen.“ Denn auch wenn Alba oft selbst die freien Dreier verweigert: So ganz ohne Schützen, die die Defensive bestrafen, wenn sie zu fünft die Zone bevölkert geht es eben doch nicht. Dieser Punkt führt dann auch zur zweiten Dimension, auf der sich eine Veränderung beobachten lässt. Nicht nur Albas Große, sondern durch die Bank weg alle Spieler verlagern ihr Spiel mehr und mehr in Richtung Zone. Alex King, der 2013/14 knapp die Hälfte seiner Würfe von außen nahm, ist immer öfter beim Post-Up oder dem Zug zum Korb zu finden. Cliff Hammonds, Reggie Redding, Vojdan Stojanovski: Alle scheinen sie sich deutlich lieber für den Drive zu entscheiden, als einen Sprungwurf zu nehmen. Und, ja, selbst Radosevic lässt einer Wurftäuschung an der Freiwurflinie neuerdings nicht selten ein hartes Dribbling zum Korb folgen. „Nach beinahe jedem Pick-and-Pop stehe ich sehr frei. Ich kann einfach nicht jeden Wurf nehmen, das sähe nicht gut aus“, begründet er diese Beobachtung schmunzelnd. „Der Drive ist nicht neu, aber ich entwickele ein immer besseres Gefühl dafür, wann ich werfen und wann ich ziehen muss.“ Nicht alle seiner Drives sind bisher von Erfolg gekrönt. Zu oft sind Beine und Kopf noch zu schnell für den Ball. Die Idee aber scheint vielversprechend, denn sobald er es schafft, beim Zug die Kontrolle über das Spielgerät zu wahren, kann Radosevic mit seiner Schnelligkeit viele Große in der BBL schlagen. In letzter Konsequenz könnte er so in McLean’schen Außmaßen Fouls oder zumindest die gegnerische Hilfe ziehen, um im nächsten Moment auf einen freien Mitspieler abzulegen. Doch letzteres istfür einen Big Man dann schon die ganz hohe Schule … Natürlich sind das alles Momentaufnahmen und beziehen sich keinesfalls auf jede Situation. Aber im Großen und Ganzen scheinen die Berliner aggressiver zu attackieren, um bei einer Lücke in der Verteidigung selbst abzuschließen oder den Ball nach außen zu geben. Eine Spielidee, die bisher ganz gut für Alba funktioniert. Denn in einer Ecke wartet an der Dreierlinie Nils Giffey, der einfach aufgrund seines Sprungwurfes immer respektiert werden muss. Dass Alba den Angriff in der Regel innen beginnt und erst dann außen punktet, wenn die Verteidigung um den Ball kollabiert, machte das Team 2013/14 immer stärker. 2014/15 hat sich an dieser Einstellung nichts geändert, der finale Pass geht aber öfter in die Mitteldistanz, anstatt nach ganz außen. Alle Mann zum Korb Auch Hammonds und Redding posten immer wieder auf. Hammonds kann hier seine körperlichen Vorteile gegenüber anderen Point Guards ausspielen, für Redding gilt Ähnliches, vor allem, wenn er von Shooting Guards verteidigt wird. Er vertraut aber auch weiterhin gerne auf seinen Turnaround-Jumper. Der scheint bisher noch etwas eingerostet, kann und wird aber zu jeder Zeit Spiele entscheiden. Schließen die beiden Guards nicht selbst ab, finden sie immer wieder ihre Big Men, die sich gekonnt für kurze Pässe in die Zone anbieten. Wer bei dieser Entwicklung bisher ein Stück weit auf der Strecke bleibt, ist Jonas Wohlfahrt-Bottermann, obwohl gerade er all die Durchstecker für sein Spiel nutzen können sollte. Seine Spielanteile sind im Vergleich zur Vorsaison vorerst geschrumpft; und das, obwohl sich nach Martin Seiferths langwieriger Handverletzung die Frage des direkten Konkurrenzkampfes um die Minuten noch gar nicht stellt. Aber auch Wohlfahrt-Bottermann hat seine Qualitäten, nur schlagen sich diese eben oft nicht in der Statistik nieder. Schon immer hatte er ein gutes Timing beim Rebound und Block. Sein Abschluss hat sich bisher aber kaum verbessert. Immerhin: Wird er mit Pässen in der Zone gefüttert, kann er diese über Ringniveau verwerten. Vor allem stellt er die harten Blöcke für seine Mitspieler, bemüht sich beim Ausblocken und versucht, seine Gegenspieler vor sich zu halten. Interessant wird es zu beobachten, wie sich der 24-jährige präsentieren kann, sobald Seiferth wieder fit ist. Für einen Spieler, der sich mental so abhängig macht von seinen ersten Aktionen und dem daraus gewonnen Selbstbewusstsein, muss Konkurrenz nicht zwangsläufig belebend sein. Im Großen und Ganzen jedenfalls spielt „WoBo“ seine Rolle bisher sehr solide. Screens, Offensivrebounds und Defense – das kann zu jeder Zeit von ihm erwartet werden. Er hat keinen Wurf, weiß das aber auch. Zumindest ohne Ball aber ist er schnell auf den Beinen. Und fügt sich in dieser Hinsicht in ein Muster, das alle Großen der Berliner auszeichnet. „Wir sind nicht die traditionellen Big Men“, beschreibt McLean die Situation. „Aber wir sind sehr wendig und tief besetzt, sodass keiner sich seine Kräfte einteilen muss, sondern in seiner Spielzeit alles geben kann.“ In der Tat: Die Minutenverteilung gestaltet sich sehr ausgeglichen. Alex King, der auf der Vier startet, McLean als Scorer von der Bank, Radosevic , Banic und Wohlfahrth-Bottermann … keiner von ihnen geht derzeit mehr als 25 Minuten pro Spiel. Wie der gesamte Kader der Berliner mit Ausnahme von Reggie Redding und Cliff Hammonds, die nur gerade über diesem Wert liegen. Merkmal: Defense! Somit kann Coach Obradovic auch jederzeit eine frische Option für die kraftraubende Verteidigungsarbeit der Berliner bringen. Zahlen sind zu diesem frühen Zeitpunkt kaum aussagekräftig, aber wie in der vergangenen Spielzeit führt Alba das Defensivrating nach fünf Spielen erneut an (95,3 gegnerische Punkte auf 100 Ballbesitze), dominiert den Defensivrebound und erzwingt die meisten Ballverluste. Denn, bei aller offensiver Durchschlagskraft: Es ist die Defensivarbeit, die die Albatrosse im vergangenen Jahr auszeichnete und über die sie sich auch heuer wieder definieren. „2013/14 hatten wir zwölf neue Spieler, dieses Jahr nur sechs,“ bringt es Leon Radosevic auf den Punkt. „Das ist der Hauptgrund für unseren guten Start.“ Gerade bei einer ausgefeilten Defensiv-Philosophie ist es natürlich erstrebenswert, den Kader nicht Jahr für Jahr rundum zu erneuern. Auch Marko Banic verweist zuerst auf die Verteidigungsarbeit, wenn es um die erfolgreichen vergangenen Wochen geht: „Theoretisch könnte Coach jeden mit jedem spielen lassen. Wir haben keinen echten Center, aber fünf Spieler, die auf der Fünf verteidigen können. Wir bewegen uns gut, wir sind stark genug, um im Post dagegenzuhalten; natürlich ist das ein Vorteil.“ Natürlich hilft es auch, zusätzlich starke Eins-gegen-Eins-Verteidiger um sich zu wissen. „Cliff Hammonds?,“ so Banic weiter. „Unglaublich beeindruckend. Der beste Verteidiger, den ich je gesehen habe.“ Und einer der wenigen Point Guards der Liga, die stark genug sind, nach einem Switch den gegnerischen Center im Post zu verteidigen. Natürlich macht sich die Eingespieltheit gerade in dieser frühen Phase bemerkbar, wo sich andere Teams erst finden müssen. Bei den Berlinern gilt das auf beiden Seiten des Feldes. Wo aber die Verteidigung schon 2013/14 auf höchstem Niveau funktionierte, setzt Alba den Gegnern zu Beginn der neuen Saison auch offensiv mächtig zu. Niemand sollte den Start nicht überbewerten, gerade weil viele Teams erst zusammenrücken müssen. Fünf Siege im Oktober interessieren im Mai sowieso niemanden mehr; das weiß keiner besser als Alba. Aber auch in der Hauptstadt läuft längst noch nicht alles rund: Vieles entsteht bis dato im Eins-gegen-Eins, hochgerechnet auf die Anzahl der getroffenen Würfe spielen nur eine Handvoll Teams noch weniger Assists. Bisher leisten sich die Berliner zu viele Ballverluste und kämpfen erneut mit einer schwachen Ausbeute von der Freiwurflinie. Die kraftraubende Doppelbelastung mit Euroleague-Spielen unter der Woche und dem Bundesliga-Alltag am Wochenende läuft zudem gerade erst an. Wider Erwarten scheint der Kader der Berliner aber tatsächlich nicht nur das Potenzial zu haben, der Abnutzung durch zwei Wettbewerbe standzuhalten, sondern auch genügend Scoring-Optionen aufzubieten, um eine der besten Offensivreihen der Liga zu stellen. Nicht nur, aber vor allem unter dem Korb. Da, wo es am meisten weh tut. Und unabhängig davon, wie Alba Berlin im europäischen Wettbewerb abschneidet: Unterschätzen wird diese Berliner in ihrem Jubiläumsjahr niemand mehr. Ihre Defensive ohnehin nicht, das ist klar. Aber dank der Konsequenz, mit der Alba den Ball unter den Korb bringt, wirft auch die Berliner Offensive ihren übergewichtigen Schatten voraus. Folgt Jannes auf Twitter @courtsideBBL Foto: Camera4