ARRAN 001 – Das Monokel (Text)

Arran trug den Mantel und das Monokel des Meisters ohne Namen. Beide mochten ihn nicht besonders. Beim Mantel konnte er es spüren. Dieser saß oft und – da war Arran sich sicher – mit voller Absicht unbequem und öffnete zumeist nicht mal die Hälfte seiner Taschen für den jungen Dieb. Das Monokel hingegen sagte es ihm direkt auf den Kopf zu.

„Sie haben dich gehört, Frischling“, tönte die Stimme in seinen Gedanken. Sie klang jung und alt zugleich. Wie ein Mädchen, das sein erstes Jahrhundert bereits hinter sich gelassen hat, und dennoch nicht wachsen will. Manchmal sprach sie weise und manchmal klug. Doch meistens war sie aber nur beleidigend.

„Halt die Klappe“, antwortete Arran in Gedanken und blinzelte. Verbissen konzentrierte er sich auf die orange leuchtenden Silhouetten der zwei Wachmänner. Mit langsamen Schritten patrouillierten sie an den beiden großen Hauptgängen der Museumshalle entlang. Er hasste und liebte sein magisches Erbstück zugleich. Trug man das goldene Monokel vor dem Auge, schenkte es einem die Sicht. Einen Blick durch feste Materie hindurch, sei es eine steinerne Wand oder wie in diesem Fall ein ausgestopfter Elefant mit seinen gigantischen Hauern aus Elfenbein. Man sah eine Welt aus tausend Abstufungen von Schwarz, wabernden Schatten und kaltem Licht. Einzig das Leben erstrahlte in bunten Farben und leuchtete wie ein Signalfeuer in der Nacht. Wie die beiden Wachmänner, die Arran an ausgehöhlte Kürbisse erinnerten, in die man eine hoch aufgedrehte Petroleumlampe gesteckt hatte. Diese bewegten sich langsam, aber unaufhaltsam auf sein Versteck zu.

„Sie haben sich aufgeteilt, Frischling. Auf dem Hinweg blieben sie zusammen, warum sollten sie ihre Route jetzt plötzlich ändern?“

„Das kann alle möglichen Gründe haben!“ Arran verstand immer besser, warum der Meister ohne Namen das Monokel so selten wie möglich verwendet hatte. 

„Hey, das habe ich gehört“, maulte es umgehend zurück. Der junge Dieb duckte sich tiefer in den Schatten des Exponats, umfasste das Auggenglas mit Daumen und Zeigefinger und beobachtete die Bewegungen der farbigen Silhouetten. Eine von ihnen stockte kurz im Gang, wurde steif und entließ eine giftgrüne Wolke aus ihrem Gesäß. Anschließend begann sie damit, sich mit der freien Hand an ihrem Hintern zu kratzen. Nicht gerade mit Elan, dafür erstaunlich ausdauernd.

„Tja, Frischling, genau das ist der Mann, der dich heute fangen und einbuchten wird. Gratuliere, du hast die Prüfung bereits in der ersten Stufe in den Sand gesetzt. Der Meister dreht sich im Grabe um.“ Die rotzfreche Mädchenstimme hallte in Arrans Kopf nach. Sie war die Kehrseite des sonst so nützlichen Artefakts. Setzte man die Sicht ein, war sie der Preis, den man zu zahlen hatte. Dummerweise hatte das Monokel recht. So langsam wurde es eng. Schon bog der erste Wachmann um die Ecke und würde gleich mit seiner Petroleumlampe vor ihm stehen. Das Türschloss des Direktorzimmers hatte sich als unerwartet kompliziert erwiesen und sein Fluchtweg wurde ihm in diesem Augenblick von Wachmann Hinternkratzer abgeschnitten. Mit klopfendem Herzen wühlten Arrans Finger in den Taschen seines mitternachtschwarzen Mantels und er betete, dass dieser sich erbarmen würde. Wie das Monokel war er ein Erbstück des Meisters ohne Namen, sogar launischer als dieses, dafür aber stumm. Er hatte keine Stimme und ließ sich zumeist einfach nur tragen – was letztlich die Bestimmung eines jeden Mantels ist – doch fand er subtilere Wege, seine aktuelle Gemütsverfassung kundzutun. Arran tastete die Taschen ab und endlich umfassten seine Finger den kleinen Kieselstein, den er am Morgen am Ufer der Themse aufgehoben hatte. Zur Zeit war der Mantel ihm wohlgesonnen. Wenigstens das.

Zum Zögern blieb keine Zeit. Arran holte aus und schleuderte das Steinchen im hohen Bogen über den Elefantenrücken auf die andere Seite des Saals. Mit angehaltenem Atem lauschte er in die Stille hinein. Sein Herzschlag hämmerte so laut in seinen Ohren, dass er das leise Geräusch beim Aufkommen des Wurfgeschosses beinahe nicht gehört hätte.

„Was war das?“ Der erste Wachmann blieb nur drei Schritte vor dem Versteck des jungen Gauners stehen und sah seinen Kollegen an, der ebenfalls nur ein kurzes Stück von Arran entfernt haltgemacht hatte. Beide hoben ihre Petroleumlampen und leuchteten in das Halbdunkel hinein. Der flackernde Lichtschein streifte kurz Arrans linken Fuß. 

„Hast du alle Fenster kontrolliert?“ Hinternkratzer stöhnte missmutig auf. 

„Da war nichts, vergiss es einfach. Nur noch eine Stunde und unsere Schicht ist um ...“ 

Der erste Wachmann ließ nicht locker. „Jeder gottverdammte Riegel ist von Hand zu prüfen! Wie oft muss ich dir das noch sagen?“ 

„Hab ich doch. Entspann dich ...“ Arran roch die Mischung aus Knoblauch und billigem Fusel, die Hinternkratzer ausströmte. Auch der andere Wachmann rümpfte die Nase und setzte sich in Bewegung.

„Nochmal von vorne. Komm mit!“ Seine Stimme klang fest und befehlsgewohnt. Es war nicht schwer zu erraten, wer von den beiden in der Hierarchie die höhere Position einnahm.

„Ehrlich, Bill, die sind alle gesichert!“ Hinternkratzers kläglicher Versuch wurde ignoriert. Erneut eine Schnaps- und Knoblauchwolke ausseufzend gab er auf, ließ die Schultern hängen und folgte seinem Vorgesetzten zurück zur Ostseite des Ausstellungssaals. 

Arrans Muskeln entspannten sich etwas. Lautlos drehte er sich wieder zur Bürotür um, vor der er zusammengesunken war. Dieses Kieselsteinmanöver hatte ihm wenigstens vier Minuten erkauft. Umgehend zückte er seine Dietriche und schob sie leise in das Türschloss.

„Das war nichts als Glück, Frischling.“ Arran grinste. Schwang da etwa ein Hauch von Anerkennung in der Mädchenstimme mit? 

„Grins nicht so blöd! Ich lese deine Gedanken, vergiss das nicht!“ Sollte das Monokel von ihm halten, was es mochte. Er war auf dem besten Weg, der letzte Meisterdieb zu werden. Oder der Erste. Wie man es nahm, immerhin ging es darum, eine untergegangene Gildentradition wieder aufleben zu lassen. Nichts und niemand würde ihn aufhalten. Das schuldete er dem alten Mann. Es klickte leise und die Tür schwang auf. Zwei Atemzüge später stand Arran im Büro des Museumsdirektors Emerson Fawnrow. Die verglühenden Reste des erkaltenden Kaminfeuers warfen dämmrige Lichtstrahlen in den ausladenden Raum. Aus dem Augenwinkel registrierte der junge Gauner die zwei vergitterten Glasfenster an der Südwand, die blankpolierte Ritterrüstung neben dem Bücherregal und den  Michelangelo über dem schweren Schreibtisch aus dunklem Ahorn.

Sein Interesse richtete sich jedoch einzig und allein auf den kleinen Wandtresor an der Westwand. Arran hatte ein klares Ziel und ihm blieb nicht mehr viel Zeit, sich die Liste anzueignen. Kurz versicherte er sich mittels der Sicht, dass die Wachmänner Bill und Hinternkratzer im Ausstellungssaal weiterhin nach der Quelle des Geräusches suchten, dann betastete sein erster Dietrich die Schlüsselöffnung des Tresors. Dank des Monokels sah er sogar das Innere des Schlosses. Es war kein komplizierter Mechanismus, lediglich dreizehn Bolzen mussten in die richtige Position manövriert werden. Ein zweiter und ein dritter Dietrich schoben sich nacheinander vorsichtig hinein, tasteten sich in das Innere vor und ließen einen Bolzen nach dem anderen zurückschnappen. 

Arran lächelte. Auch ohne die Hilfe des Monokels hätte er diesen Tresor binnen weniger Minuten öffnen können, das Schlossknacken war seine ausgeprägteste Stärke. Im Geist dankte er dem Meister ohne Namen für dessen Unerbittlichkeit während der Lehrstunden. Schon bald würde er seine Schuld dem alten Mann gegenüber bereinigen und das zu Ende führen, was dieser angefangen hatte. Keine Prüfung würde ihm zu schwer sein. Er allein würde sie meistern und der Größte unter den Großen werden. Selbstzufrieden grinste der junge Dieb in sich hinein. Ein erneutes, eindeutig öffnendes Klacken erklang. Mit beiden Händen die Einbruchswerkzeuge umfassend, machte Arran eine Drehbewegung und – ohrenbetäubedes Sirenengeheul brüllte ihm entgegen, ließ ihn das Gleichgewicht verlieren und hintüberkippen. Hart schlug sein Schädel auf dem marmornen Fußboden auf und grelle Sterne tanzten zur Musik der soeben aktivierten elektronischen Alarmanlage. Laut dröhnend tötete der Warnton die nächtliche Stille und damit die nützlichste Verbündete des jungen Diebes.

„Sie kommen“, war alles, was das Monokel sagte. Gleichmütig und verhöhnend zugleich. Arran fragte nicht, warum ihm die elektronische Sicherung trotz der Sicht entgangen war. Er war er nicht aufmerksam genug gewesen. Oder das das Monokel hatte ihm nicht alles gezeigt. Mit einem Satz war er auf den Beinen und stand vor dem geöffneten Wandtresor. Nach seiner Schätzung blieb ihm eine halbe Minute, bis Bill und Hinternkratzer das Zimmer stürmten. Vermutlich weniger.

Seine Finger rasten, schoben Edelsteine und Urkunden beiseite. Wo war es nur, wo war ... Endlich hielt er ein kleines in Leder gebundenes Notizbuch in den Händen. Auf der Vorderseite prangten die eingravierten Initialen „E. F.“: Emerson Fawnrow. Arran blieb keine Zeit, seinen Inhalt zu prüfen und so ließ er es in eine der vielen Taschen des Mantels gleiten. Ein sichereres Versteck gab es vermutlich auf der gesamten Welt nicht und solange der Mantel einem gewogen blieb, bekam man das, was man ihm anvertraute, sogar irgendwann zurück. 

Das Sirenengeheul verstummte und die nachfolgende Stille brüllte dem Dieb Gefahr entgegen. Hinternkratzer und Bill hatten es an der Hauptsicherung deaktiviert, die dummerweise direkt vor dem Büro des Direktors angebracht war. Das schmerzhafte Summen in seinen Ohren klang langsam ab. Schon hörte er ihre Schritte und Rufe. Es würde nicht lange dauern, bis Verstärkung eingetroffen war und das gesamte Areal umstellt hatte. Doch zuerst würden die beiden Nachtwächter selbst nach dem Ursprung der nächtlichen Störung suchen. 

Arran hastete zur Tür, für eine Flucht durch die vergitterten Fenster blieb ihm keine Zeit. Seine rechte Hand lag bereits auf der Türklinke, doch er hielt ruckartig inne. Durch die Sicht sah er die zwei leuchtenden Schemen direkt auf ihn zustürmen. Einzig die geschlossene Tür trennte den Dieb von seinen Häschern. Instinktiv drückte Arran sich an die Wand neben ihm und hielt den Atem an. Einen Herzschlag später knallte die Tür laut scheppernd auf und ihm direkt ins Gesicht. Seine Nase knackte schmerzhaft und Tränen füllten seine Augen. Nur mit Mühe unterdrückte er die Schmerzenslaute, die ihm in der Kehle aufstiegen. Scharrend glitt die Tür wieder von ihm fort und zerstörte so sein improvisiertes Versteck. Die Schatten wichen von ihm. Nicht gut.

Schnell griff er erneut nach der Klinke und hielt sie fest. Hinternkratzer und sein Vorgesetzter hatten ihn nicht bemerkt.

„Verdammte Scheiße!“, brüllte Bill wutschnaubend.

„Die Fenster sind unberührt und verschlossen“, rief Hinternkratzer mit einer Mischung aus Rechtfertigung und Stolz in der Stimme. Offenbar beschränkte sich sein Zuständigkeitsbereich auf das Überprüfen sämtlicher Glasscheiben an den Raumwänden. Seine Brust war stolzgeschwellt. Doch Bill würdigte ihn keines Blickes. Beide waren in die Mitte des Zimmers gestürmt und leuchteten mit ihren Petroleumlampen in das Halbdunkel, vertrieben die schlummernden Schatten und scheuchten mit jeder Bewegung neue über die Wände. Die Tränen wegblinzelnd setzte Arran langsam und lautlos einen Fuß nach vorne. 

Bill war hinter den ausladenden Schreibtisch getreten und suchte die Wand ab. „Was zum Henker ... der Tresor! Scheiße! Da war einer dran!“ Bill beleuchtete den offenstehenden Sicherungsschrank und überprüfte seinen Inhalt. Arran schob sich einen Schritt weiter und verstärkte seinen Griff um die Türklinke.

„Der klitzekleine Strauchdieb, der wird jetzt gleich geschnappt ...“, sang das Monokel hämisch in Arrans Kopf. Es trieb ihn fast zu Weißglut. Er allein war in der Lage, die Mädchenstimme zu hören, das wusste er. Doch die große Gefahr bestand darin, auf ihre Sticheleien einzugehen und selbst ein Geräusch von sich zu geben. Nur mit großer Mühe schluckte er eine bissige Antwort hinunter. Dennoch erwartete er bei jedem ihrer Worte, dass die Wachmänner ihn entdecken würden. 

In Gedanken sagte er äußerst nachdrücklich: „Nur dieses eine Mal ... Monokel, bitte! Halt nur dieses eine verdammte Mal deinen verfluchten Mund!“ Möglicherweise hatte die Mädchenstimme tatsächlich Mitgefühl. Oder sie suchte bloß einen neuen Reim auf das Wort ‚Trottel‘. Aber das Monokel schwieg und Arran konzentrierte sich auf seine Flucht.

Hinternkratzer eilte besorgt zu Bill hinüber. „Oh Mann, oh Mann, oh Mann! Fehlt etwas?“ Jener wühlte weiter in den Juwelen und Briefen. Vor Zorn war sein Gesicht puterrot angelaufen. „Woher soll ich das wissen?“, zischte er. „Denkst du, der Alte erzählt einem wie mir, was er abends in seinen Stahlschrank einschließt?“

Arran hatte die Tür umrundet und stand vor der rettenden Wandöffnung. Alles was er tun musste, war einen langen Schritt hindurch zu tätigen und die Holztür leise hinter sich zu verschließen. Bill und Hinternkratzer waren mit sich selbst beschäftigt, aber das konnte sich jeden Augenblick ändern. Er streckte mit angehaltenem Atem sein linkes Bein aus, verlagerte sein Gewicht und ...

„BUH!“ 

Die Stimme des Monokels dröhnte mit der Lautstärke eines Posaunenorchesters in seinen Ohren. Arran erschrak, zuckte zusammen und stolperte über seine eigenen Füße, woraufhin er unsanft und nicht gerade unauffällig auf den Marmorboden krachte. 

Bill, Hinternkratzer und er selbst sogen gleichzeitig laut die Luft ein. Arran wegen der schmerzhaften Bruchlandung, die zwei Wachmänner aus purer Verblüffung heraus. Ein Moment peinlicher Stille trat ein.

Hinternkratzer schüttelte als Erster seine Starre ab, hob mit offenem Mund die Hand und deutete auf den am Boden liegenden Einbrecher. „D-D-Da“, war alles, was er herausbrachte.

Arran blickte seinen Häschern ins Gesicht, diese starrten ungläubig zurück. Was dann folgte, war ein gehetztes Drängen und Schubsen beider Parteien. Arran versuchte hastig, wieder auf die Beine zu kommen, doch sein Fuß verhakte sich im Mantel. Erneut verlor er das Gleichgewicht, fiel zu Boden und stieß sich wieder den Kopf, dieses Mal am hölzernen Türrahmen, während Bill und Hinternkratzer den großen Ahorntisch auf der gleichen Seite zu umrunden versuchten und sich gegenseitig in die Quere kamen.

„Stehen bleiben“, brüllten die Wachmänner wie aus einem Munde. Sie drängten nach vorne, die Ellenbogen ausgefahren, sich gegenseitig hart anrempelnd. Jeder von ihnen wollte der Erste sein, der den wehrlosen Eindringling in die Finger bekam. Dieser hatte weiterhin mit seiner eigenen Kleidung zu kämpfen.

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Hier geht es zu Kapitel 002: Alle Schatten fließen in die Nacht
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