ARRAN 002 – Alle Schatten fließen in die Nacht (Text)

Je mehr Arran zerrte und sich wand, desto fester schien sich sein Stiefel im Saum des Mantels zu verfangen. Die Gedanken rasten in wilden Bahnen durch seinen Geist. Es war keine bösartige Absicht des Kleidungsstücks, da war der Dieb sich sicher. Er selbst war das Problem. Seine verkrampften Bewegungen waren die Gitterstäbe, doch das wahre Gefängnis war die Angst. Panisch versuchte Arran, sich an die Lehren seines Meisters zu erinnern. Was hatte der alte Mann über eine Situation wie diese immer gesagt? 

‚Alle Schatten fließen in die Nacht?‘ 

Nein. 

‚Sei stets der Klügste im Raum?‘

Auch nicht.

„Atme, du Idiot.“

Ja, das war es! Selbst wenn der Ratschlag vom Monokel stammte, dessen Stimme nur mühsam ein hämisches Lachen unterdrückte – dieses verräterische Miststück hatte ausnahmsweise recht! Arran schloss die Augen. Öffnete den Mund. Sog mehr Luft ein, als je ein Mensch in sich aufgenommen hatte, entspannte seine Glieder, ließ die Luft wieder entweichen ... und ließ los. Als er seine Augen öffnete, war sein Geist ruhig und seine Bewegungen geschmeidig. Arran war ein Schatten.

Die behandschuhten Hände von Hinternkratzer waren nur zwei Armlängen von Arran entfernt, doch der hatte sich endlich befreit. Mit beiden Händen stieß er sich vom Boden ab, rollte rückwärts über die Schulter und streckte sein Bein aus. Kratzgesäß schloss in Erwartung eines Trittes ins Gesicht angsterfüllt die Augen, doch der Dieb hatte ein anderes Ziel. Es war die offen stehende Tür, die er mit dem Spann seines Stiefels kurz erfasste und mit einem Ruck zuzog. Ein lautes Poltern folgte, als sie krachend ins Schloss fiel. Zwei weitere, dieses Mal dumpf klingende Polterer ertönten, als Bill und Hinternkratzer mit voller Wucht gegen die massive Holzkonstruktion knallten. 

„Ich hasse dich!“, zischte Arran dem Monokel zu und richtete sich wieder auf. Dann nahm er die Beine in die Hand und rannte um sein Leben. 

Er hatte die erste Abzweigung erreicht, als die Bürotür aufgerissen wurde.

„Elender Dieb! Bleib stehen!“, hörte er die zornigen Rufe hinter sich. Arrans Vorsprung war winzig, darüber machte er sich keine Illusionen. Außerdem kannten die Wachmänner das Terrain wesentlich besser als er selbst. Ein Blick über die Schulter verriet ihm, dass sie ihn einkesselten. Sie hatten sich aufgeteilt. Bill verfolgte ihn direkt, während Hinternkratzer – als leuchtender Kürbis durch das Monokel gut erkennbar – den äußeren Korridor gewählt hatte. Ohne lange zu überlegen, änderte Arran seinen Fluchtweg und hechtete unter den mitten im Saal aufgestellten ausgestopften Elefanten. Dünne Stützbalken hielten das schwere Exponat aufrecht und versperrten ihm den Weg. Der Dieb warf sich kurzerhand dagegen und durchbrach das Geflecht aus Holzbalken.

„Was zum ...“, hörte er Bill dicht hinter sich aufkeuchen. „Nein! Raus da!“ 

„Ja, geh zurück und gib endlich auf. Aus dir wird nie ein wahrer Meisterdieb, Frischling“, tönte das Monokel in Arrans Gedanken. Er hörte auf keinen der beiden. Stattdessen ruderte er mit den Armen wild um sich und zerbrach so viele dünne Holzlatten wie möglich. Die Stoßhörner aus Elfenbein schwankten bedrohlich und ein dröhnendes Knacken mischte sich unter die spitzen Laute zerbrechenden Holzes.

„Aufhören! Der Elefant wird fallen!“, stieß Hinternkratzer panisch hervor und stand verdattert dar. Er machte keine Anstalten, dem Dieb den Weg abzuschneiden. Sein angsterfüllter Blick war auf das schwankende Rüsseltierexponat geheftet.

„Das reicht nicht, Kleiner“, nörgelte das Monokel. So ungern Arran es zugab: Es hatte recht. Der Elefant war zwar aus der Balance geraten, hielt sich jedoch standhaft auf allen vieren. Zeit, ein wenig nachzuhelfen. Mit aller Kraft warf sich Arran mit der Schulter voran gegen den herabhängenden Bauch des Tieres. 

Einmal. Das Wanken verstärkte sich. 

Nochmal. Weitere dünne Holzlatten brachen mit lautem Knacken.

Und ein drittes Mal stemmte der Dieb sich mit voller Wucht gegen den Unterleib des ausgestopften Tieres. Der Scheitelpunkt des Gleichgewichts wurde überschritten. Der Dickhäuter fiel, neigte sich zur Seite und stürzte mit einem lauten Krachen, das von einem irritierenden Quietschgeräusch untermalt wurde, zu Boden. Arran konnte die nackte Panik in den Augen seiner Häscher erkennen, die fassungslos dastanden und mit offenen Mündern den soeben verursachten Schaden begutachteten.

Der perfekte Augenblick, um die Flucht fortzusetzen. Arran hechtete über den umgefallenen Dickhäuter, rollte sich ab und rannte in Richtung Ausgang. Er war schon an der großen Wendeltreppe im Hauptsaal angekommen, als sich Hinternkratzer und Bill aus ihrer Starre lösten und ihrerseits zu rennen begannen. Der Dieb bog ab und hetzte die Treppe empor.

„Dir ist schon klar, dass du nicht wieder über das Fenster türmen kannst, über das du hineingekommen bist, oder?“ Das Monokel genoss jeden Augenblick dieser Verfolgungsjagd in vollen Zügen. Arran schnaufte, beschleunigte aber seine Schritte noch weiter. 

„Doch! Wenn ich schnell genug bin, reicht es aus und ...“

„Dann sieh mal nach vorne, du Dummbeutel. Erkennst du deinen alten Kumpel nicht?“ 

Arran war mittlerweile auf der Empore angekommen und wollte zu dem geöffneten Fenster rennen, als er vor sich Hinternkratzer erblickte. Mit ausgebreiteten Armen versperrte der Klotz ihm den Weg. Wann zum Teufel hatten die beiden Wachmänner sich aufgeteilt?

„Sie kriegen dich ...“, säuselte das Monokel genüsslich in seine Ohren. „Sie werden dich fangen und dann Dinge mit dir anstellen, die malst du dir in deinen schlimmsten Albträumen nicht aus ... Für sie bist du bist nur ein Dieb ... ein schmutziger, kleiner Dieb ...“

Arran bremste rabiat ab und rannte zurück. Bill befand sich auf der unteren Treppe und war damit ebenfalls ein unüberwindbares Hindernis. Arran schluckte schwer und nahm den letzten verbliebenen Weg: nach oben. Kalter Schweiß rann ihm den Rücken hinunter, als der die gewundene Treppe immer weiter hinaufrannte. Sie führte zum Dach des vierstöckigen Gebäudes und von dort gab es nur einen Weg in die Freiheit, doch diesen hatte er noch nie ausprobiert.

Arran hetzte weiter, hinter sich hörte er das siegessichere Keuchen seiner Häscher. Er hatte etwas Abstand gewonnen, doch dieser würde ihm in der Sackgasse des Gebäudedaches nicht weiterhelfen. Der Dieb erreichte die Dachluke und stemmte sie auf. Das mit Schiefer bedeckte Dach erstreckte sich vor ihm wie ein Meer aus abschüssigen Wellen. Nur ein falscher Schritt, und die Flucht würde in eine Schlitterpartie übergehen, die nach einem ausgiebigen Fall aus vier Stockwerken Höhe auf dem Kopfsteinpflaster des Vorplatzes endete. Ein unrühmliches Ende für die Karriere eines Meisterdiebes, der streng genommen noch gar keiner war.

Doch ihm blieb keine Wahl. Mit weniger Vorsicht als geboten war, balancierte Arran mit ausgebreiteten Armen auf den nächstgelegenen Giebel zu. Über ihm tauchte ein wolkenverhangener Halbmond das nächtliche London in ein trübes Licht aus Grau. Perfekte Voraussetzungen für seinen waghalsigen Plan.

„Das kannst du nicht ernst meinen! Der Weg des Adlers ist eine der höchsten Stufen des Schattenwandelns!“ Die Stimme des Monokels hatte einen schrillen Unterton angenommen. 

„Das weiß ich,“ keuchte Arran hochkonzentriert auf seine Stiefel starrend. „Aber nicht ich muss sie erreichen.“ Es dauerte einen Moment, bis das Monokel begriff. „Niemals! Der Mantel mag ja seine Momente haben, aber das ...“

„Du sitzt in der Falle!“ Bills triumphierende Stimme gellte zu Arran hinüber. Beide Wachmänner hatten die Dachluke erreicht und grinsten dem Einbrecher höhnisch entgegen. Hinternkratzer beugte sich vor und rief: „Du bist der schlechteste Dieb, den ich je gesehen habe, Junge!“

Arran drehte sich zu seinen Verfolgern um.

„Es ist nicht vorbei!“, konterte er mit allem Selbstbewusstsein, das er aufzubringen imstande war. Mittlerweile hatte er den Giebel erreicht und seinen Stand gesichert.

„Komm einfach zurück.“, lachte Bill ihm entgegen.

„Hört mir gut zu“, murmelte Arran leise, wobei er sich nicht an die zwei Männer richtete, sondern an das Monokel und den Mantel. „Ich weiß, dass wir nicht den allerbesten Start miteinander hatten.“

„Du hast uns ungefragt an dich genommen“, maulte das Monokel. Ein leichtes Zurren des Mantels folgte. Arran deutete es als Zustimmung.

„Mit wem redet der?“ Hinternkratzer kratzte sich wieder am Hintern. Arran ignorierte ihn.

„Der alte Mann ist tot. Das hat keiner von uns gewollt. Aber jetzt müssen wir mit der Situation zurechtkommen.“

„Was nicht bedeutet, dass wir dir helfen müssen!“, konterte das Monokel.

„Ja,“ antwortete Arran und legte sich die nachfolgenden Worte sorgsam zurecht, „aber wenn die Pfeifen da hinten mich schnappen, seid auch ihr dran. Dann wird man euch in irgendeine Kiste stecken und auf dem Trödelmarkt verramschen. Ihr seid modisch nicht gerade der letzte Schrei. Wer weiß, vielleicht wirft man euch sogar auf den Müll?“

Einen Augenblick sagte niemand ein Wort. Der Wind umwehte Arran leise und einige Möwen kreischten weiter unten an der Themse ihr dissonantes Lied. 

„Ich glaube, der ist nicht ganz richtig im Kopf“, sagte Hinternkratzer und sah seinen Vorgesetzten an. Dieser gab sich einen Ruck und stieg ebenfalls auf das Dach.

„Wenn du nicht zu uns kommen willst, kommen wir eben zu dir!“, rief er und machte den ersten Schritt auf den Dieb zu. Arran deutete auf seine Häscher. „Wollt ihr das wirklich? Denen da in die Hände fallen? Wir können es schaffen! Denkt dran: Alle Schatten fließen in die Nacht!“

Das Monokel zögerte einen Herzschlag. Dann fragte es: „Mantel?“ Mit angehaltenem Atem wartete Arran auf ein Zeichen. Erst geschah nichts. Dann bauschte sich der Saum des Gehrocks auf, obwohl kein Windhauch ihn berührte. Zwei Adlerschwingen gleich hoben sich Stoffteile empor, bereit für das Unmögliche. „Dann ist es entschieden“, sagte Arran zufrieden, drehte sich noch einmal zu Bill und Hinternkratzer um, winkte ihnen fröhlich zu ... und sprang.

Im ersten Moment glaubte Arran zu schweben. Frei in der Luft, losgelöst von allen irdischen Sorgen. Ein Augenblick der Magie, in dem kein weltliches Gesetz Bestand hatte. Nur der dunkle Horizont vor ihm und das Gefühl unbändiger Freiheit zählten ...

Dann zog ihn die Schwerkraft mit brachialer Gewalt hinab in die Tiefe. Tosender Wind rauschte in seinen Ohren und der Abgrund unter ihm raste mit gnadenloser Geschwindigkeit auf ihn zu. Durch die Sicht schenkte das Monokel ihm eine Nahaufnahme der einzelnen Kopfsteine, die, sollte der Fall nicht aufgehalten werden, den todesmutigen Dieb auf steinharte Weise begrüßen würden. Arrans Herz setzte einen Schlag aus. Er spürte, wie seine Arme und Beine gegen seinen Willen wild zu rudern begannen, sich nach allen Seiten hin ausstreckten, auf der panischen Suche nach einem rettenden Stück Sicherheit. Die Verzweiflung übermannte ihn und das Gefühl, den letzten Fehler seines Lebens begangen zu haben, grub sich tief in seine Eingeweide. Arran schloss die Augen und nahm einen letzten tiefen Atemzug.

Dann übernahm der Mantel die Kontrolle und Arran spürte sie endlich: die fließenden Schatten. Mit einem Mal waren sie da: schwarze Schemen. Unförmig und elegant. Lebendig und voller Tatendrang. Sie waren mehr als die bloße Abwesenheit von Licht, sie existierten. Sichtbar und doch entfernt, nur in Ausnahmen in unserer Welt erfahrbar. Doch sie zu kontrollieren war eine Fähigkeit, die kein Lebender mehr beherrschte. Arran vermochte es nicht, doch er trug den Mantel des Meisters ohne Namen. Und dieser war nicht aus gewöhnlichem Stoff gefertigt. Er bestand aus Elementen der Nacht, eingewoben in Garn aus Finsternis und bestickt mit Verzierungen aus reinem Dunkel.

Der Mantelsaum blähte sich immer weiter auf und verlängerte sich, genährt und erhalten durch die fließenden Schatten, die um ihn herum und in ihn hinein wirbelten. Ein Ruck ging durch Arrans Körper und plötzlich fiel er nicht mehr. Er flog! Der Mantel hatte seine Flügel ausgebreitet und übernahm die Kontrolle. Einem monströsen schwarzen Adler gleich trotzte er den Gesetzen der Physik, lachte ihnen ins Gesicht und schwang sich hinauf in die Lüfte. Wie von einem Aufwind getragen glitt der Dieb im Schutz der Schatten hinaus in die Nacht. Nur dass es keinen Wind gab. Die Schatten hielten Arran, hoben ihn empor und trugen ihn in die Sicherheit der Finsternis. Unter ihm erstreckte sich das schlafende London mit seinen Schornsteinen und Gaslaternen. Mit seinen Straßen voller Kutschen und der allgegenwärtigen Lebensader aus Wasser, der Themse. Der Schattenadler folgte dem Wasserlauf, wich Segelschiffen und Dampfern aus und hielt sich mehrere Mannslängen über der Oberfläche.

Die anfängliche Panik ließ von Arran ab und er realisierte zum ersten Mal in seinem Leben die wahre Pracht der Dunkelheit. Die majestätische Erhabenheit der Schatten, deren Leben in ihr pulsierte. Er spürte ihre durchscheinende Existenz mit jeder Faser seines Körpers, wurde eins ihren ihren schwarzen Gliedern und verschmolz zu – Die Stimme des Monokels riss Arran zurück in die Wirklichkeit: „Es wird langweilig, Mantel. Ich denke, das reicht.“

Es dauerte eine Sekunde, bis Arran begriff, dass er nicht mehr flog, sondern fiel.

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