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In einer deutlich kürzeren Fassung erschienen in: Jungle World. 46/2017


Twitter- oder generell Onlinekampagnen sind vor jedem Inhalt zumindest fragwürdig. Es mag auch darunter sympathischere geben, wie zum Beispiel #mystealthyfreedom oder #meninhijab. Dass diese hier als Positivbeispiele genannt werden, hat vor allem damit zu tun, dass sie einen konkret bestimmten Gegenstand aufweisen, mit dem sie sich auseinandersetzen und den sie kritisieren – in diesen Fällen das Kopftuch. Und eben das lässt sich beim besten Willen über die netzfeministischen Kampagnen seit #aufschrei wahrlich nicht behaupten, deren Ziel, laut der Initiatorin Anne Wizorek, der „Alltagssexismus“ und eine konfuse „Übergriffigkeit“ gewesen sei. Ausgelöst durch einen Spruch des FDP-Politikers Rainer Brüderle über den Busen einer Journalistin kritisierte man nun online die allgemeine „Rape Culture“. Darunter macht es der Netzfeminismus nicht mehr. Die Halbwertzeit dieser Kampagnen mag begrenzt sein – sie haben aber manchmal verheerende Wirkung. Weiter ging es nämlich mit #ausnahmslos, worunter nach der Silvesternacht 2015/16 gemäß dem Slogan „Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall.“ nicht nur die Unterschiede der Handlungen, sondern auch jene zwischen westlichen und islamischen Frauenbildern aktiv verwischt. Für den Netzfeminismus ging es auch danach fast nahtlos weiter, denn durch den Prozess von Gina-Lisa Lohfink hatte man schnell ein neues Vehikel. So richtig es hier war oder gewesen wäre, die mediale Betonung des Lebenswandels Lohfinks im Zusammenhang mit dem Prozess zu kritisieren, suchte der Feminismus dickere Bretter zum Bohren. Alle aufrechten Netz-, Print- und Straßenfeministinnen betonten zwar eifrig, das Video nicht gesehen zu haben, da sie die Integrität der Betreffenden wahren wollten, wussten aber, im Gegensatz zur Richterin, die das Video tatsächlich in voller Länge gesehen hatte, erstaunlicherweise gleichzeitig alle, dass die Klagende in diesem Video vergewaltigt wurde – eine ziemlich beeindruckende, man könnte fast meinen, magische Rechercheleistung des  #TeamGinaLisa, dem sich sogar die damalige Bundesministerin für das latent ausufernde Resort „Familie, Senioren, Frauen und Jugend“, Manuela Schwesig, etwas vorschnell angeschlossen hatte. Eben dieses Team vereinte, wie schon der Fall Kachelmann, auch die sonst so zerstrittenen Flügel des Feminismus von Alice Schwarzer und ihrer Emma über FEMEN bis zur Mädchenmannschaft oder dem Missy Magazin, die sich in ihrer Hetze gegen Männer, denen eine Vergewaltigung bloß vorgeworfen wird, doch erstaunlich einig sind, und sich von ihrem vorgefertigten Urteil auch durch einen Freispruch nicht abbringen lassen. In letzterem Blatt durfte Mithu Sanyal darlegen, „warum Gina-Lisa Lohfink unsere Heldin ist“. Man sollte nicht vergessen, dass Sanyal im Falle einer Vergewaltigten neuerdings lieber von einer „Erlebenden“ sprechen möchte, da hier „keine Aussagen über Motivationen und Rollenverteilungen (getroffen werden). Klassische Binaritäten wie aktiv/passiv werden aufgebrochen.“ Das heißt, nach Sanyal kann man sich aktiv oder gar willentlich vergewaltigen lassen – andere nennen genau dies „miteinander schlafen“, „vögeln“, „ficken“ oder ganz pathetisch „Liebe machen“. Nun verkündete sie: „Von Gina-Lisa lernen, heißt siegen lernen.“ Gemeint war mit diesem Sieg die Reform des Sexualstrafrechts durch den Justizminister Maas. Dieser beeilte sich nach dem verlorenen Prozess Gina-Lisa Lohfinks durch eine Sprecherin zu betonen, er „war nicht im Team Gina-Lisa.“ Nun etablierte Maas aber auch kein #TeamInDubioProReo, sondern schloss sich dem parallellaufenden Alternativ-Programm des #neinheißtnein an. Gemeinsam mit der ausnahmslos-Lesart der Vorfälle der Silvesternacht 2015/16 war der Prozess maßgeblich für die weithin unsinnige „Verschärfung“ des Sexualstrafrechts verantwortlich, die doch eher eine Verwässerung darstellte.

Neuer Rückenwind für den Netz-Feminismus

Nach Trumps „lockerroomtalkpussygrab-gate“, auf das die Kampagne #notokay reagierte, erlebt der Netzfeminismus nun im Zuge der Enthüllungen um Harvey Weinstein ein enormes Comeback. Die Schauspielerin Alyssa Milano nutzte die Konjunktur und twitterte: "Wenn Du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, schreibe "Me too" als Antwort auf diesen Tweet". Zwölf Millionen Mal wurde das Hashtag in den ersten 24 Stunden auf Facebook gepostet, in zig Ländern wurde es aufgegriffen oder durch ein landessprachliches ersetzt. Von vornherein ging es in erster Linie um die bloße Masse, denn nur diese könne, laut Milano, „die Größe des Problems“ aufzeigen. Aber: Dieses Problem ist so konkret nicht. Laut Milano bestünde es in der „kontinuierlichen Objektivierung, Erniedrigung und sexuellen Belästigung von Frauen“. Denn ausgehend von einer Reihe sexueller Nötigungen und Vergewaltigungen soll hier das ganze Feld des Sexismus bis hin zu Blicken und Sprüchen abgedeckt werden. Die Masse der Postings kann natürlich niemand wirklich lesen, weshalb sich die Aufmerksamkeit in erster Linie auf Prominente richtet, ob nun als (vermeintliche) Opfer oder Täter. Das produziert gleich reihenweise lukrative „Sex-Skandale“. In Frankreich ging die Journalistin Sandra Muller konsequenterweise gleich einen Schrittweiter, und forderte unter #balancetonporc explizit zur Denunziation „der Schweine“ auf. 

Die unter #metoo geschilderten Fälle sind, gelinde gesagt, überaus unterschiedlicher Natur. Das reicht von Gruppenvergewaltigung und Kindesmissbrauch, über Körperverletzung ohne jeglichen sexuellen Kontext bis zur Aufforderung eines Chefs an seine Sekretärin, zwei Dildos für ihn zu besorgen; #metoo listet die für den britischen Verteidigungsminister karrierebeendende Hand auf dem Knie einer Journalistin vor 15 Jahren, ein Nacktcasting neben dünneren Kolleginnen, anzügliche Sprüche oder Blicke, die sich „merkwürdig angefühlt“ haben – alles unterschiedslos unter dem Motto „Me too“ zusammengefasst. Die Berichte sind in ihrer Mehrheit zumindest moralisch unappetitlich bis widerlich. Viel wichtiger aber ist: Ein nicht kleiner Teil ist justiziabel, der Rest hingegen nicht. Und genau diesen Unterschied zu verwischen, ist ein sehr zweifelhaftes Verdienst jenes Feminismus, das in der Kampagne nun noch einmal deutlichen Ausdruck erhält. 

Der für Selbsthilfegruppen aus guten Gründen übliche Verzicht auf Be- oder gar Verurteilung von Berichten wird verallgemeinert; er ist das Wesen dieser Kampagne. In deren Konsequenz liegt, dass man qua Geschlechtszugehörigkeit dazu verdonnert wird, #metoo und dem Netzfeminismus zuzustimmen, da man sonst keine richtige Frau sei, also zu den „Andersfrauen“ zähle, die Paula Irmschler im Neuen Deutschland denunzierte. Diese seien Frauen, die nur schreiben, was sie schreiben, um sich Männern anzubiedern. Eine Anwendung dieser Logik auf das Kleidungsverhalten von Frauen hingegen dürfte Irmschler aus guten Gründen nicht besonders zusagen. Dass jene angeblich mit einem Männlichkeitskomplex behafteten Weibsbilder nicht nur Geistesschlampen sein könnten, die mit jeder Herrenrunde ins journalistische Bett hüpfen, sondern #metoo eventuell deshalb kritisieren, weil sie wissen oder ahnen, dass diese Kampagne ihren Interessen direkt zuwiderläuft, das kann und darf für die „Gleich-„ oder „Identischfrauen“, als welche sich die Netzfeministinnen anscheinend imaginieren, nicht sein. Die „Andersfrauen“ mit ihrem „Andersfrauen-Job“ sind halt nur mit Männergeld bezahlte Geschlechterverräterinnen. Mit einem etwas anderen Schwerpunkt springt Bernhard Torsch in dieselbe Bresche, der auf seinem Blog schreibt, #metoo sei „aufklärerisch, da die Aktion auf Berichte statt auf Wertung setzt“, wie anscheinend auch Kant schon den Wahlspruch der Aufklärung formulierte: „Berichte und lese Berichte, aber werte nicht!“ Um dann auch gegen jene zu wettern, die aus „Faulheit und Feigheit“ urteilen, statt den Mut zu haben, sich des eigenen Glaubens zu bedienen. Natürlich hat Kant solchen Unsinn niemals geschrieben, da Aufklärung niemals bedeutete, auf Wertung zu verzichten. Zumindest nicht, wenn man den Begriff der Aufklärung nicht von Foucault bezieht, für den es keinen Unterschied mehr zwischen „zu viel oder zu wenig Vernunft“, sondern nur noch allgemein „zu viel Macht“ gab, und der sich nicht mehr auf Inhalte, sondern auf „Ensemble“ und „Mengen“ der Aussagen und Handlungen bezog. Eben diesem Gegenaufklärer ging es nicht um Begriffe, sondern um die Präsenz von Wörtern, um die „reine Beschreibung der diskursiven Ereignisse als Horizont für die Untersuchung der sich darin bildenden Einheiten“. Das Problem ist nur, dass die „Untersuchung“ explizit einherging mit der Absage an jede Interpretation, Wertung und Urteile. Foucault ging und #metoo geht es darum, dass irgendetwas geschieht, das sich aufgrund geringster „diskursiver“ Ähnlichkeiten zu einer angeblichen Einheit gruppieren lässt. Die Diskursanalyse wird jetzt aber tendenziell noch verkehrt zur aktiven Diskursproduktion, woran Foucault nicht unschuldig ist: „“Der Diskurs ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht.“ 

Dabei gab es durchaus schon Online-Kampagnen, die aufklärerisch genannt zu werden verdienen. Gemeint ist dabei die Kampagne #ichhabnichtangezeigt, in der Betroffene dezidiert gefragt wurden, warum sie eine Vergewaltigung nicht angezeigt haben; und sie wurden um eine Antwort gebeten á la „#ichhabnichtangezeigt, weil…“, um die Motive zu erfahren. Das war Aufklärungsarbeit, die nichts mit Täterjagd, Empörungsakkumulation oder Gesinnungsäußerungen zu tun hatte, während #metoo eben eine bloß quantitative Verwertung der Einträge darstellt, die, weil die verschiedensten Handlungen unter ein und demselben Hashtag verschlagwortet werden, Sprüche massiv auf- und Vergewaltigungen abwertet, letztlich also die Tatbestände nivelliert. Laut Studien haben 13 Prozent aller Frauen in Deutschland eine Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erlitten – das ist selbst schon eine derartige Menge, die man wahrlich nicht durch Aufweichung „erweitern“ müsste. 

Gegen Vergewaltigungsmythen – auch feministische

Diese Aufweichung jedoch hat Methode, fügt sie sich doch bestens zu den unzähligen Vergewaltigungsmythen, die sich selbst in den Anklagestatistiken immer noch wiederspiegeln. War eine Person besoffen, freizügig gekleidet oder ähnliches, hat sie nach wie vor bei der Anzeige einer Vergewaltigung wesentlich schlechtere Karten, dass diese auch zur Anklage gebracht wird. Es gibt aber auch feministische Vergewaltigungsmythen – die in der Regel Mythen über die Justiz sind. Das Argument ist in aller Regel, dass eine Anzeige nichts brächte, und die Mehrzahl der Täter nicht angeklagt oder verurteilt würde. Bis vor ein paar Jahren konnte man sagen: Um die 8000 erst einmal mutmaßlichen Vergewaltigungen wurden in Deutschland pro Jahr angezeigt, 1500 Anklagen erhoben, von denen um die 1000 mit einer Verurteilung endeten. Das ist eine Anklagequote von knapp 20 Prozent; 12,5 Prozent der Anzeigen führten zu einer Anklage, 66 Prozent der Angeklagten wurden verurteilt. Das klingt schrecklich – aber auch die allgemeine Verurteilungsrate in Bezug auf Anzeigen bei der Polizei lag zur selben Zeit bei unter 15 Prozent, womit die Vergewaltigung schlichtweg im Durchschnitt liegt. 

Vergessen wird in der Regel, dass das Justizministerium eine sehr andere Definition der Verurteilungsrate oder -quote zugrunde legt als die feministischen Aufklärungsbroschüren und in den meisten Fällen auch die Medien. Eine kurze und oberflächige Recherche würde einen Satz wie den folgenden zu Tage fördern: „Die Verurteilungsquote lag (2009) bei 80%.“ Würde man diese Zahl mit denjenigen der Broschüren vergleichen, würde man erst einmal eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Zahlen bemerken. So wäre über die Verurteilungsquote bei Vergewaltigungen zu lesen: „Die Verurteilungsquote für angezeigte Vergewaltigungen sinkt seit Jahren. 2012 etwa erlebten nur 8,4% der eine Anzeige erstattenden Frauen die Verurteilung des Täters.“[1] Oder: „In Deutschland ist im Verlauf der letzten 20 Jahre bei angezeigten Vergewaltigungen die Verurteilungsquote enorm gesunken: So wurden 1994 noch 21,6 Prozent der angeklagten Tatverdächtigen verurteilt, während es 2012 nur noch 8,4 Prozent waren.“[2] Und in einer Broschüre des Berliner Senates (!) kann man sogar folgendes lesen: „Die seit einiger Zeit geringste Verurteilungsrate von 5,3 % wurde im Jahre 2004 erzielt, d.h. von 20 zur Anzeige gebrachten Vergewaltigungen führte lediglich eine zur Verurteilung. Seit 2006 gibt es eine gegenläufige Entwicklung, die Verurteilungsrate ist seither auf 5,8% angestiegen.“[3]

Das Problem ist nur, dass die offizielle Definition der Verurteilungsquote wie folgt lautet: „Die Verurteilungsquote gibt an, welcher Anteil der Personen, gegen die ein Straf- oder Strafbefehlsverfahren beendet wurde (Abgeurteilte), verurteilt werden.“ Die Berechnungsgrundlage könnte kaum weiter auseinanderdriften, was einen Vergleich der beiden Zahlen völlig verunmöglicht. Während sich die Medien und feministischen Organisationen auf das Verhältnis der Verurteilungen zu den Anzeigen bzw. polizeilich registrierten Fällen bezieht, meint die offizielle Definition das Verhältnis der Verurteilten zu den Abgeurteilten. Dies heißt grob: Die offizielle Verurteilungsquote bezieht sich auf die Aburteilungsquote, die sich auf die Anklagequote bezieht, die sich auf die Aufklärungsquote bezieht. Darin ist jedoch schon ein Sprung zwischen der polizeilichen Kriminalstatistik und der Strafverfolgungsstatistik, der strenggenommen überhaupt nicht zulässig ist, da hier sehr verschiedene Grundlagen missachtet werden würden.[4] In anderen Fällen kursiert eine Definition, die das Verhältnis von Verurteilten zu ermittelten Tatverdächtigen beschreibt. Die Zahl der Tatverdächtigen beträgt aber im allgemeinen Durchschnitt nur ein Drittel der polizeilich registrierten Fälle, heißt auch hier wäre eine erhebliche Relativierung der Zahlen anzumerken.

Diese Zahlen sähen für 2012 wie folgt aus:

Polizeilich registrierte Fälle fast 6.000.000

Aufgeklärte Fälle  fast 3.300.000

Ermittelte Tatverdächtige 2.100.000

Abgeurteilte  770.000

Verurteilte 607.000

Man sieht, dass jene Form der Verurteilungsquote, wie sie in Bezug auf Vergewaltigungen gern „gebraucht“ wird, auch allgemein bei nur 10% läge (nämlich 600.000 aus 6.000.000). Nun ist das wahrlich kein Grund zur Freude – aber es setzt das Problem doch in ein etwas anders Licht. Auch soll hier nicht einmal Vorsatz unterstellt werden. Aber die Fahrlässigkeit im Umgang mit den betreffenden Zahlen und Quoten scheint doch etwas häufig auf. Wer nämlich, wie Terre des Femmes[5], Schweden als Musterbeispiel der angezeigten Vergewaltigungen ansieht, da dort die Meldezahlen besonders hoch seien, verkennt vor allem, dass die lieben Schweden schlichtweg anders zählen: Eine serielle Vergewaltigung einer Person durch den selben Täter über einen längeren Zeitraum wird in Deutschland einmal, in Schweden hingegen je einzelner Tathandlung gezählt. Zusätzlich werden die Zahlen zur Falschbeschuldigung einfach völlig positivistisch übernommen, ohne zu erwähnen, dass es sich bei diesen angeblich nur „marginalen“ Fällen,[6] eben nur um die erwiesenen („designated“) Falschbeschuldigungen handelt, und die Dunkelziffer völlig unbekannt ist, da zahlreiche Fälle, die eingestellt werden, sich eben nicht automatisch gegen die vormals Klagende richten. Zuzustimmen wäre Terre des Femmes im folgenden Punkt: „Es ist dringend notwendig zu klären, warum die Verurteilungsquoten bei Vergewaltigung bundesweit so stark abgenommen haben und welche Gründe für die regionalen Unterschiede anzuführen sind.“[7] Nur scheinen sie nicht bereit zu sein, jene Abnahme, welche in dem Text von Terre des Femmes zwischen 1994 und 2012 datiert wird, wenigstens teilweise auf das 33. Strafrechtsänderungsgesetz von 1997 zu beziehen, auf das sie selbst hinweisen, da hier endlich die Vergewaltigung in der Ehe als Straftat anerkannt wurde. Was sie aber vergessen zu erwähnen, ist, dass im Zuge dieser Änderung auch die vorher streng geschiedenen Straftatbestände der Vergewaltigung (vormals § 177) und sexuelle Nötigung (vormals § 178) zum Gemeinschaftsparagrafen 177 vereint wurden. Seitdem ist Vergewaltigung nur noch ein Sonderfall der sexuellen Nötigung. In der Statistik wird die Trennung meist gar nicht mehr vorgenommen, und die Zusammenlegung vor allem im Vergleich von Statistiken aus der Ära vor und nach 1997 überhaupt nicht reflektiert. Eben dies hätte eine Warnung sein können, dass die jetzige Reform des Sexualstrafrechts eine Erweiterung statt Verschärfung darstellt, welche zu einer noch weiteren Verschlechterung im Bereich der Verurteilungsquote führen wird, da die Beweisbarkeit massiv erschwert wird.

Was jedoch auffällt, ist die Anzeigequote bei Sexualstraftaten, die sich naturgemäß auf Schätzungen stützt. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 kommt zu dem Schluss, dass in nur fünf bis acht Prozent der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Anzeige erstattet wurde. Ferner ergab die Studie, dass sexuelle Straftaten von der Mehrheit der Betroffenen zwar als <i>Gewalt<i>, aber nur von der Hälfte (bzw. gar nur einem Drittel, sofern die Tat vom Partner begangen wurde) als <i>Verbrechen<i> erkannt wurde. Diese Verwischung von Gewalt und Verbrechen kann sich zu einem guten Teil der Feminismus auf die Fahne schreiben. So kann man selbst von einer Tagesthemen-Kommentatorin hören: „Sexuelle Gewalt ist ein Verbrechen.“ Und eben dies stimmt nicht. „Sexuelle Gewalt“ ist ein bestenfalls deskriptiver Begriff, unter den manches Mal verschiedene konkrete Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung subsumiert werden, und der andererseits als Synonym für „Sexismus“ (ohne Zwangsheirat, Ehrenmord oder Kopftuchpflicht, versteht sich), oder gleich „Rape Culture“ herangezogen wird. 

Ein Verbrechen als Verbrechen zu erkennen, ist jedoch eine wesentliche Voraussetzung, um es zur Anzeige zu bringen. Die niedrige Anzeigerate wird gern damit begründet, dass eine Anzeige nicht lohne, weil die meisten Verfahren eingestellt werden – was so abstrakt stimmt, aber eben nur so abstrakt. Katja Goedelts Studie „Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Untersuchung der Strafverfahrenswirklichkeit“, in der sie Fälle von angezeigter sexueller Nötigung und Vergewaltigung insbesondere mit Blick auf das Einstellungsverhalten untersuchte, kam zu diesem Ergebnis: „Die meisten Fälle (68,8 Prozent) wurden durch die Staatsanwaltschaft wegen fehlenden Tatverdachts gem. § 170 Abs. 2 StPO1 eingestellt.“ Und genau hier wird es einigermaßen spannend, denn keineswegs erfolgten diese Einstellungen nur aus Bösartigkeit oder wegen notorischer Zweifel der Staatsanwaltschaft. Vielmehr gingen über 40 Prozent dieser Einstellungen darauf zurück, dass das Opfer entweder keine Aussagen zum Tathergang machte (22 Prozent) oder aber die Tat sogar bestritt und ihre Aussage revidierte (19 Prozent); dann erst folgt als Einstellungsgrund mangelnde Glaubwürdigkeit, widersprechende Zeugenaussagen etc. In „nur“ 16 Prozent der Einstellungen wurde als Grund das Fehlen von Nötigungsmitteln genannt. Das heißt: 28 Prozent aller Fälle wurden aufgrund mangelnder Mitwirkung oder gar aufgrund Gegenwirkung der mutmaßlich Betroffenen eingestellt, während Fälle, auf die sich die Nein-heißt-Nein-Reform bezieht, nur einen deutlich geringeren Teil darstellen.

Die neuerdings sinkenden Verurteilungsraten wären zudem mit dem 2000 eingeführten und zunehmend akzeptierten ekelhaften Täter-Opfer-Ausgleich zu konfrontieren, der im Feminismus, sofern er nicht sogar aktiv begrüßt, überhaupt nicht thematisiert wird. Ähnlich verhält es sich mit anderen Formen der außergerichtlichen Einigung, zu denen durchaus auch das Defma-Prozedere der linken Szene gehört.

Anstatt dies zu thematisieren, malt man ein schreckerregendes Bild der Justiz und bewirbt das Konzept der Definitionsmacht, laut einer Beraterin bei Wildwasser, „ein Werkzeug aus der feministischen Trickkiste“, um, wie jene Beraterin, ausführlich und ziemlich explizit von einer Anzeige abzuraten. Im Magazin Outside the Box behauptet man aus derselben Motivation heraus, eine Vergewaltigung wäre immer noch eine „strafbare Handlung gegen die Sittlichkeit“ und nicht gegen die Frau, wobei jenes Rechtsgut bereits 1973 durch die „sexuelle Selbstbestimmung“ ersetzt wurde. Die Unterstützerinnengruppe D.E.F.M.A (DIY, Emanzipatorisch, Feministisch, Militant, Autonom) empfiehlt für die Denunziationen und die vorbereitende Kommunikation verschlüsselte Mails. Da es sich nämlich bei der „Vergewaltigung“ um ein Offizialdelikt handelt, wäre der sich anscheinend brennend für radikal-feministische Mailinhalte interessierende Staat zu einer Anzeige verpflichtet. Dagegen helfe nur Verschlüsselung. Das heißt: Die vermeintliche Straftat soll aktiv vor dem Staat verborgen werden. Und in der vom Unrast-Verlag herausgebrachten Fibel „Antisexismus reloaded“ werden dafür die strenggeheimen Szenestrukturen vorgeschoben, die, „so schlimm sexualisierte Gewalt auch ist“, mit einer Anzeige nicht gefährdet werden dürften. In der Taz (3.11.2017) pädagogisierte hingegen Melanie Brazzell gegen den „Strafrechtsfeminismus“, um sofort dringlich davon abzuraten, die Polizei zu rufen, wenn man hört, dass die Nachbarin von ihrem Lebenspartner verprügelt wird. Gelingt das als Alternative zum Rufen der Polizei vorgeschlagene „Beziehungen aufbauen“ nicht, dann bleibt wohl nur, die Schmerzensschreie von nebenan einfach einmal auszuhalten, sofern man Brazells Aufruf zur vorsätzlichen Unterlassung von Hilfeleistung zu folgen gedenkt.

Der Netzfeminismus in seiner jetzigen Form fällt den Opfern von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wieder einmal in den Rücken. Im Falle von #metoo waren (in der Regel nicht angezeigte) Straftaten der Anlass, welcher von der Kampagne völlig verharmlost wird, während bei #aufschrei wenigstens der auslösende Vorfall selbst nur in das konfuse Feld des „Sexismus“ und der „Dauererotisierung“ einzuordnen war. #metoo ist deshalb in Bezug auf die geleistete Relativierung eindeutig als gravierender zu betrachten. Die Kampagne ähnelt jenen Freundinnen, die, nachdem man ihnen von einer erlittenen Vergewaltigung berichtet, anstatt beim Thema zu bleiben, sofort anmerken, dass man ihnen auch schon an den Hintern gefasst habe. Was aber ist das für ein Feminismus, der weder willens ist, entsprechende Fälle vor Gericht zu bringen, da man dort selbstverständlich dazu angehalten wäre, zwischen Vorkommnissen zu unterscheiden, die aus guten Gründen im Recht begrifflich geschieden sind, noch überhaupt erwägt, die Unterschiede in der juristischen Bewertung von Vergewaltigung in verschiedenen Ländern überhaupt zu reflektieren?

    

[1]https://www.frauen-gegen-gewalt.de/zahlen-und-fakten-zum-plakat-vergewaltigung-verurteilen.html


[2]https://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/haeusliche-und-sexualisierte-gewalt/aktuelles/archiv/1506-neue-zahlen-belegen-einen-dramatischen-rueckgang-von-verurteilungen-nach-einer-vergewaltigung


[3]https://www.berlin.de/lb/lkbgg/publikationen/weitere-publikationen/sexuelle_gewalt_ii.pdf


[4]Vg. https://www.ratswd.de/download/RatSWD_WP_2008/RatSWD_WP_43.pdf


[5] https://frauenrechte.de/online/images/downloads/hgewalt/Sexuelle-Gewalt-in-Deutschland.pdf 


[6]https://www.frauen-gegen-gewalt.de/zahlen-und-fakten-zum-plakat-vergewaltigung-verurteilen.html


[7]https://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/haeusliche-und-sexualisierte-gewalt/aktuelles/archiv/1506-neue-zahlen-belegen-einen-dramatischen-rueckgang-von-verurteilungen-nach-einer-vergewaltigung

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