Das ursprüngliche Ende von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Die Schöne und das Biest gilt als eines der beliebtesten Märchen überhaupt. Die wenigsten Leute wissen allerdings, wie es wirklich ausgeht.

Ihr glaubt, das berühmte Märchen endet mit der Rückverwandlung des Biestes in einen Prinzen? 

Weit gefehlt! Das Original ist viel länger als landläufig bekannt. Es erzählt von Feen und einer Kriegerkönigin. Es beinhaltet eine überraschenden Offenbarung über Belle. Und es enthüllt den wahren Grund, warum der Prinz  überhaupt erst in ein Monster verwandelt wurde!

Feenmärchen

Anders als viele Märchen, die jahrhundertelang nur mündlich überliefert worden sind, ist diese Erzählung kein Volksmythos. 

Die Schöne und das Biest entstammt der Feder der französischen Schriftstellerin Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve. Es wurde erstmals 1740 veröffentlicht. Zwar bediente sich Villeneuve traditioneller Motive wie das des Tierbräutigams, ihr Märchen ist jedoch ihre Erfindung, ihr persönlicher Beitrag zu den contes des fées, den Feenmärchen die sich in der gehobenen französischen Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreuten.

Die Schöne und das Biest ist im Original rund hundert Seiten lang

Heute kennen wir eigentlich nur noch die Grundzüge von Villeneuves Geschichte. Ursprünglich umfasst deren Novelle rund 100 Seiten, ist also deutlich länger als ein klassisches Märchen. Die Autorin beschreibt ausführlich die Umgebung, die Lebensumstände und Hintergründe ihrer Figuren. Die inzwischen bekannte Geschichte um eine schöne Kaufmannstochter, die sich in das Schloss eines Ungeheuers begibt, nimmt ungefähr die Hälfte dieser Novelle ein.

Ihr erinnert euch?

Nachdem ein wohlhabender Kaufmann seine Reichtümer verliert, zieht er mit seinen sechs (!) Kindern in ein bescheidenes Haus auf dem Land. (Heute ist oft nur noch von den beiden älteren Schwestern von Belle die Rede; Villeneuve berichtet jedoch von drei Kaufmannstöchtern und drei Kaufmannssöhnen). 

Während sich vor allem seine beiden ältesten Töchter damit schwertun, ihre neue Rolle in der Gesellschaft zu akzeptieren, fügt sich die jüngste Tochter, von allen nur Belle - die Schöne - genannt, in ihr Schicksal.

Der Raub der Rose

Bescheiden bittet sie ihren Vater, als dieser sich auf Reisen begibt, nur um eine einzige Rose als Mitbringsel. Ein fataler Wunsch, denn Belles Vater sucht bei seiner Heimreise Zuflucht in einem geheimnisvollen Schloss, das mitten im Wald auftaucht und in dessen Garten und Gängen überall lebensecht wirkende Statuen stehen. Dort erblickt er auch wunderschöne Rosen. Als er eine brechen will, erscheint der Herr des Schlosses: eine grauenerregende Bestie, die mit menschlicher Stimme zu ihm spricht und ihm eine Wahl lässt:

,

Entweder er bezahlt den Raub der Rose mit seinem Leben, oder er geht nach Hause und fragt eine seiner Töchter, ob sich diese freiwillig für ihren Vater opfert. Schweren Herzens willigt der Kaufmann ein - und schweren Herzens lässt er Belle ziehen, als diese sich bereit erklärt, sich in die Fänge des Biests zu begeben. (Charmant von ihm, was?)

Mysteriöse Träume

Statt dem Tod findet die schöne junge Frau im Schloss jedoch ein neues Zuhause voller Wunder: prächtige Kleider, Essen und Zerstreuungen warten auf sie.  In der Nacht träumt Belle von einer geheimnisvollen Dame, die ihr Mut zuspricht, und von einem schönen Unbekannten, von dem sie glaubt, dass er ebenfalls ein Gefangener des Biestes ist.

Ihrem Gefängniswärter sieht sie nur beim gemeinsamen Abendessen. Bald empfindet sie keine Angst mehr für ihn, sondern hat Mitleid mit dem hässlichen Biest. Nur eines quält sie. Jede Nacht fragt die Bestie sie, ob sie mit ihm schlafen will. (Japp!)

Belle verneint jedes Mal. 

Erst nach einem Besuch bei ihrer Familie, den ihr das Biest aus Liebe zu ihr erlaubt und den sie länger ausdehnt, als sie es versprochen hat, erkennt sie, wie sehr ihr der hässliche Gefängniswärter ans Herz gewachsen ist. In einem Traum sieht sie ihn sterbend in seinem Garten liegend. 

Der Fluch wird gebrochen - die Königin kehrt zurück

Gerade noch rechtzeitig kehrt sie ins Schloss zurück und verspricht, seine Frau zu werden - und damit bricht sie den Fluch, der auf ihm lastet. Das Biest verwandelt sich in einen schönen Prinzen. Und im Schloss tauchen zwei reich gewandete Frauen auf.  Eine von ihnen kennt Belle bereits aus ihren Träumen. Es ist die eine gute Fee, die Beschützerin des Prinzen. Die andere ist seine Mutter, die Königin.

Nach der Rückverwandlung geht es packend weiter!

Hier endet das Märchen, das wir kennen, doch im Original dreht Villeneuve noch einmal richtig auf: 

Die Königin ist nicht begeistert davon, dass Belle ihren Sohn heiraten will. Zwar gesteht sie der jungen Frau zu, den Fluch gebrochen zu haben. Doch immerhin ist sie nur die Tochter eines Kaufmanns. 

Die wahre Herkunft von Belle

Sie erlaubt die Hochzeit erst, als sich herausstellt, das - haltet euch fest - Belle in Wirklichkeit die Tochter eines Königs ist, die als Kind von der guten Fee gerettet und zur Kaufmannsfamilie gebracht wurde, damit sie sicher aufwächst. Belles Stiefmutter trachtete ihr nämlich nach dem Leben. 

Die Königin zieht an der Spitze ihres Heeres in den Krieg

Belle erfährt außerdem,  warum ihr Verlobter verflucht wurde. Des Prinzen Mutter, die Königin, herrschte nach dem Tod ihres Gemahls allein über ihr Reich. Ihre mächtigste Verbündete war alte Fee. Als ihr Reich vom Krieg bedroht wird, schlüpft die Königin als Heerführerin in eine Rüstung und zieht an der Spitze ihrer Armee in den Kampf. 

Ihren kleinen Sohn lässt sie in der Obhut der Fee zurück. Viele Jahre vergehen.

Die Königin bleibt siegreich, kehrt jedoch nie nach Hause zurück. Der Krieg zieht sich hin. Als der Prinz erwachsen ist, folgt er seiner Mutter an die Front und gemeinsam schlagen sie den Feind endlich.


Die Fee hält um die Hand des Prinzen an

Nach dem Ende des Krieges hält die Fee bei der Königin um die Hand deren Sohnes an. 

Die Königin verneint und begründet ihre Ablehnung mit dem hohen Alter und der Hässlichkeit der Fee. Diese ist daraufhin so wütend, dass sie den Prinzen in ein Ungeheuer verwandelt. Er soll nur erlöst werden können, wenn eine schöne junge Frau einwilligt, seine Braut zu werden.

Die Tante von Belle taucht auf

Dann verschwindet die alte Fee und eine jüngere tritt an ihre Stelle. Diese versucht den Fluch zu mildern, indem sie die Bewohner des Schlosses in Statuen verwandelt und einen dichten Nebel um das Schloss aufsteigen lässt, um das Biest zu schützen und sein Geheimnis zu wahren. Sie sichert Mutter und Sohn zu, ihnen dabei zu helfen, den schrecklichen Feenfluch zu brechen.

Da sich die Fee im Verlauf der Erzählung als Tante der Schönen herausstellt, dürfen wir vermutlich davon ausgehen, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon entsprechend Fäden gezogen hat, ein eigenes Familienmitglied zur Rettung des verwandelten Prinzen in die Spur zu schicken.

Hand auf's Herz: Kanntet ihr diese Version bereits?

Villeneuves Kunstmärchen wurde im Lauf der Jahre von einer anderen Autorin bearbeitet und stark gekürzt und trat schließlich über England seinen weltweiten Siegeszug an.

Übrigens: Über die Inspirationsquellen Villeneuves, die mögliche historische Vorlage für das Märchen und die zahlreichen Schöne und das Biest-Varianten in anderen Ländern erzähle ich allerdings in diesem Artikel: Der Ursprung von DIE SCHÖNE UND DAS BIEST.

Die Bilder, die diesen Artikel schmücken, stammen von Walter Crane.

Lust auf mehr Märchen-Artikel? In diesem Beitrag erfährst du, ob Cinderellas Pantoffel tatsächlich aus Glas war.


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