Die Ketten der Hoffnung (Leseprobe)
Meisterleistungen müssen selten sein.
Wirklich gute Fotos erkennt man nicht an der Qualität, sondern an der Realität.
Realität war auch, dass ich nach wenigen Minuten, vielleicht auch nach einigen Stunden, endlich dem Bedürfnis nach Bewegung nachkommen konnte. Zwischen dem Endhaltepunkt und meiner Unterkunft lag ein Marsch am Strand und ein Weg zwischen Hafer- und Mohnfeldern, etwa von der Länge eines entspannten Sonntagsspaziergangs ohne dem Bedürfnis nach einer Pause.
Aber noch größer als das Bedürfnis nach Bewegung war das Bedürfnis nach Pausen, und größer als dieses war das Bedürfnis nach Bedürfnisbefriedigung.
So wanderte ich und ruhte, immer wieder wechselte ich meine Bedürfnisse ab. Zoomen - fokussieren - Klick.
Die Wildgänse, die ich am Strand in der Nähe eines einsamen Kiosks sah, schienen zutraulich. Der Kiosk wurde nie geöffnet - zumindest erinnerte sich keines meiner Kindheitsfotos für mich daran.
Und ich war mir nicht sicher, jemals ein Leben an dieser Stelle gesehen zu haben.
Bis auf die Wildgänse.
Und die Fische, die man mit Glück bei Dämmerung etwas weiter entfernt aus der Wasseroberfläche hinausspringen sehen konnte.
Doch auch sie habe ich seit Jahren nicht gesehen. Möglichweise mieden die Fische mich.
Das Klicken meiner Kamera.
Den frühen und noch zu kühlen Sommer.
Die großen Windräder auf den vielleicht schwimmenden Betonfundamenten nicht unweit vom Strand entfernt.
Das Atmen der Wildgänse klang wie ein weit entferntes Tuten, vielleicht das Geräusch eines Schiffes oder Rufe, die sich im Wind längst verloren haben, bevor sie ein Ohr erreichen.
Während ich die Luft anhielt, um kein Mitglied meiner friedlichen, aber doch irritierten Gesellschaft unnötig zu verschrecken, klickte es wieder in meiner Kamera. Und ich hatte ein Foto, das ganz leise atmete.

Das war nur ein Auszug aus der Kurzgeschichte "Die Ketten der Hoffnung", die ich soeben in meinem kleinen Kleiderschrank-Aufnahmestudio aufgenommen habe. 

Ich mache mich jetzt ans Schneiden und spätestens Sonntag (vielleicht schon Samstag?) lade ich diese Kurzgeschichte, vollständig vorgelesen hier hoch. Den Zugang beschränke ich allerdings wie bei allen Podcasts nur auf die Patreons – unter anderem, weil diese Kurzgeschichte noch in diesem Jahr in einer Anthologie veröffentlicht werden soll. 

Sei also gern als Patron dabei, wenn es ganz exklusive und melancholische Worte in ausgesprochener Form geben wird.

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