- Gesellschaftlicher Hochmut -
 
Und Hochmut ists, wodurch die Engel fielen, / Woran der Höllengeist die Menschen fasst.

Friedrich Schiller (Die Jungfrau von Orléans, 1802)


Immer wieder lese ich Artikel im Internet und des Öfteren schaue ich mir auch die Kommentare dazu an. Selbst wenn ich kaum Zeit habe und mich nur schnell mal über ein Thema informieren will, rutscht doch immer wieder ein Auge in die Kommentarsektion.

So gut ein Artikel sein kann, umso schlechter können die Kommentare sein.

Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob sich die Menschen, die da etwas kommentieren, vorher überhaupt darüber nachgedacht, geschweige denn den Artikel gelesen haben. Immer wieder sind die Kommentierenden Profis in jedem Gebiet und müssen jeglichen Senf dazu geben. Selbst wenn es Unsinn ist.

Dabei wird eines immer wieder sichtbar: Der Hochmut oder auch die Arroganz, mit der dann eine (nicht gebildete) Meinung vertreten wird. Hauptsache man hat was geschrieben, aber nicht wirklich etwas gesagt.

Deutlich wurde mir das wieder vor Augen geführt, als mir die letzten Tage immer wieder ein Artikel durch meine Neuigkeiten flatterte.

Dabei ging es um ein Kind (Hope) aus Nigeria, dass als sogenanntes Hexenkind von seinen Eltern verstoßen wurde und zu einem früheren Zeitpunkt dieses Jahres auf der Straße lebte und um Essen betteln musste. Der Junge wurde von Entwicklungshelfern behandelt und ihm geht es heute weitaus besser als zu jenem Zeitpunkt als er auf der Straße entdeckt wurde.

Bei Hexenkindern handelt es sich um einen ähnlichen Glauben den es im europäischen Mittelalter gab und der von Wechselbälgern handelte. Wechselbälger waren Kinder, die ausgetauscht worden sein sollen, entweder durch Hexen, den Teufel oder auch das kleine Volk (Elfen, Zwerge, Trolle etc.).

Martin Luther selbst glaubte daran und war der Meinung, dass man hässliche Kinder ertränken sollte, weil sie wahrscheinlich genau so ein Wechselbalg wären.

Das nur als kurzen Umriss, worum es eigentlich, zumindest inhaltlich geht. Doch lassen wir den Glauben mal so hingestellt.

Mir geht es jetzt auch nicht darum was einzelne Nigerianer, Spanier, Japaner usw. glauben, sondern es geht darum, wie wir mit der Kultur und dem Glauben des Anderen umgehen.

Unter Arroganz oder Hochmut versteht man seit der frühen Neuzeit den Habitus (der Begriff bezeichnet verschiedene Verhaltensweisen, wie die Art des Auftretens, (die Umgangsformen einer Person oder auch die Art des Sozialverhaltens – man könnte auch sagen: wie sich jemand gibt)) von Menschen, die ihren eigenen Wert, ihren Rang oder ihre Fähigkeiten unrealistisch hoch einschätzen.

Nun lese ich Kommentare wie „So eine bekloppte Kultur“, „Die sind eben nicht so weit wie wir“, „Afrika ist halt ein Entwicklungsland“, „Das arme afrikanische Kind, wie können die nur sowas machen“ und ähnlich tolle Aussagen.

Der geneigte Leser wird sich im Klaren sein, dass für mich Afrika kein Land ist, sondern ein Kontinent. Ich habe die Kommentare sinngemäß wiedergegeben, aber Inhaltlich so belassen.

Es ist ehrlich gesagt sehr erschreckend solche Dinge zu lesen, weil ich mich dann immer wieder Frage, wie die Bildung nur so massiv an Menschen vorbeigehen konnte.

Gut, Bildung ist die eine Sache; dass man mal übersieht, dass es um verschiedene Länder auf einem Kontinent geht, mag ich ja noch mit beiden Augen zugedrückt hinnehmen, aber die extreme Hochmütigkeit, die einem dabei entgegenschlägt ist für mich jenseits von allem.

Wie kann ich als vernunftbegabter Mensch eine solche Arroganz entwickeln, mit der ich dann behaupte, die eine Kultur, sei besser als die andere?

Wie kann ich als vernunftbegabter Mensch eine solchen Hochmut entwickeln, mit der ich dann behaupte, die einen Menschen wären, gebildeter und besser, als die anderen?

Wie kann ich als vernunftbegabter Mensch eine geistige Mauer aufbauen und eine Abgrenzung schaffen, in dem ich mich als weiterentwickelt, den anderen aber als vermindert entwickelt ansehe?

Um etwas Science-Fiction mit ins Thema zu bringen: Als Star Trek Fan kommt mir bei so etwas immer die oberste Direktive in den Sinn, bei der es sich um eine Regel der Föderation der Planeten handelt (für Nicht-Fans). Diese Regel beinhaltet den wichtigsten politischen Grundsatz dieser Föderation und zwar die Nichteinmischung in die natürliche Entwicklung von außerirdischen Leben oder Gesellschaften einmischen, bis sie einen gewissen Punkt in ihrer Entwicklung erreicht haben (aber auch danach).

Für mich ist diese Direktive aber auch im Alltag zu gebrauchen und zwar genau in solchen Fällen, wie bei dem Thema Hope (wobei es nicht um die Einmischung geht, sondern das Be- und Verurteilen). 

Wer bin ich, dass ich über einen ganzen Kontinent urteilen darf, wobei ich nicht mal die Hälfte der dort vorhandenen Länder kenne, ganz zu schweigen denn die einzelnen Kulturen oder überhaupt einmal da war?

Wenn ich über etwas urteile, was ich nicht kenne oder von dem ich nicht einmal einen Schimmer habe, dann bin ich voreingenommen und habe mir somit eine Meinung geschaffen, die ich mir aber nicht gebildet habe wie z.B. durch Forschung.

Dieses Phänomen der Meinungsschaffung kann man derzeit immer wieder beobachten, was ich ziemlich dramatisch finde.

Natürlich kann ich eine Meinung zu etwas haben, aber manchmal hilft es auch, wenn man sich etwas durchliest, sich daraufhin vielleicht weiterbildet, informiert, sachlich diskutiert und somit eine Meinung bildet.

Dabei kann dann der Hochmut auch mal verloren gehen, weil man über das was man so liest, nachdenkt und einem klar wird, dass geistige Abgrenzungen und Vorverurteilungen gar nicht mal so hilfreich sind. 

Vor allem dann nicht, wenn man sich selbst oder die soziale Struktur, in die man hineingeboren wurde, als etwas Besseres darstellt, selbst aber nichts zu dieser Entwicklung beigetragen hat.

Deswegen hat Dieter Nuhr gar nicht so unrecht, wenn er sagt: 

„Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten.“

Daher sollten wir viel öfter innehalten, über bestimmte Themen nachdenken und dann überlegen, ob die Meinung, die wir über etwas haben, vielleicht doch noch einmal verworfen und neu gebildet werden müsste.