Irkutsk (German)
This short story is written in German. I have written a summary and some additional info in English at the bottom of the text.

Eine PDF-Datei der Geschichte ist unten angehängt.


Wir mussten Autos sein oder irgendeine andere leblose Ware, denn nur Autos wurden so über diese Bahnlinie gekarrt, wie wir es wurden. Ich rede nicht vom Komfort – es gab Bänke zum Schlafen und sogar Trinkwasser und ab und an hielt der Zug, dass wir Wasser lassen konnten – ich meine die Indifferenz, mit der man uns von einem Ort zum anderen schickte, dass dort jemand sei, der verantwortlich für uns war. Wir hatten uns damit abgefunden, dass wir nur teilweise nicht vollkommen unserem Schicksal ausgeliefert waren, wie die Wellen nicht bestimmen konnten, an welchen Strand sie stießen und welche Sandkörner sie durchwirbelten oder welche Glassplitter und Steine sie abschliffen. Wir wurden in Züge gesetzt, wenn es Zeit war und uns wurde gesagt, wann wir auszusteigen hatten. Für uns war das Normalität geworden. Wir taten unser Bestes, das bisschen Selbstbestimmung zu nutzen, wo wir es nur konnten. Doch dazu mehr zu einem späteren Zeitpunkt. Unser Zug war in Irkutsk angekommen und man bedeutete uns, unseren spärlichen Wagon zu verlassen.

Von Weitem schon hatten wir die Metallstäbe der Vororte gesehen und auch der Bahnhof war eine Ansammlung mehr oder weniger regelmäßiger Stäbe, die aus dem Boden ragten und über die man Tücher und Pelze gelegt hatte, um Schutz vor dem eisigen Wind zu bieten. Manche der Tücher waren gefärbt oder hatten Muster. Rote und blaue Farben dominierten. Nachdem wir aus dem Zug getreten waren und unsere Habseligkeiten mitgenommen hatten, fuhr der Zug direkt weiter. Außer uns war niemand ausgestiegen.

Trotz der Stoffe war es in der Bahnhofshalle sehr kalt und man konnte seinen Atem sehen, wie er in der stillen Luft vor den Gesichtern rollte, als sei er eine Lawine auf einem unsichtbaren Berghang. In einem separat abgetrennten Pelzzelt in der Halle wartete müde ein Verkäufer auf Kundschaft, sah aber so gezwungen dabei aus, als wäre er an dem Tag nur ausnahmsweise dort, wie um uns oder irgendwem einen Gefallen zu erweisen. Einige von unserer Gruppe bewegten sich dorthin, mussten aber feststellen, dass er das Geld, welches wir in der letzten Stadt erhalten hatte, nicht annehmen wollte. Sie mussten mit ihm feilschen und schließlich nahm er es doch an, gab aber kein Wechselgeld und nahm vermutlich ohnehin mehr, als ihm zustand. Ich selbst konnte mich auch kaum mit ihm verständigen. Irgendwann zuckte er mit den Schultern und ignorierte mich völlig.

Fest stand, dass wir allesamt eine Arbeit brauchten, um hier Fuß zu fassen. Auf der Reise hierhier, die einige Tage gedauert hatte, hatten wir schon von den Erzählungen anderer gehört, was wir für Möglichkeiten hätten.

Brea sagte: »Ich werde auf die Schneeperlenfarmen in den Bergtälern gehen. Dort soll man gutes Geld verdienen können und die Arbeit ist körperlich nicht besonders anstrengend. Meine Hände sind gut und mein Blick für Feines geschult.« Burtin antwortete: »Pass auf, dass du keine Schneeallergie von den Perlen und Plexigeräten bekommst.« Er war besorgt, denn er mochte Brea sehr, hatte aber nie den Mut gefunden, es ihr direkt zu sagen. Brea schien es aber auch nie aufzufallen, und so tanzten sie immer wieder ihren altbekannten Tanz im Kreis herum. »Keine Sorge, Burtin. Und überhaupt, was hast du dir ausgeguckt?« Er schwieg ein wenig und sah so aus, als wäre er in Nachdenken versunken. »Ich glaube, ich gehe zu den Nabelspinnern. Dort kann man jemanden wie mich bestimmt gebrauchen«, sagte er mit bestimmter Mimik. Ich glaube, er wollte sich selbst überzeugen und sich Mut einreden.

In dieser Art berichteten alle voneinander über ihre Pläne, die sie in Irkutsk hatten. Als fast alle ihre Pläne offengelegt hatten, kam ich an die Reihe. »Und du, Pjond? Was ist mit dir? Du bist so still.« Isodel hatte ihren Blick von unten in mein Gesicht gerichtet. Sie war einen guten Kopf kleiner als ich und so musste ich jedes Mal schmunzeln, wenn sie mich auf diese Weise ansprach, dass sie fast wirkte wie ein neugieriges Kind, dem ich die Welt erklären musste. Ich wusste aber, dass auch Isodel mit uns alles mitgemacht hatte und durch Not und Hunger gegangen war, durch Krankheit und durch frohe Tage, in denen es uns an nichts mangelte, und sie so gewachsen war und gewiss kein Kind, sich neuen Aufgaben zu stellen. »Ich ...«, begann ich, das Zögern in Person. »Ich bin noch sehr erschöpft von der Fahrt. Ich brauche Schlaf, vor allem. Dann kann ich sehen, was ich möchte.« Plötzlich fühlte ich, wie mir die Augenlider herunterdrückten und die Anstrengungen der letzten Tage wie Gewichte an meine Arme gehängt waren. Ich konnte mich kaum noch voranschleppen, die Augen kaum offen halten. Ich brauchte möglichst schnell einen Schlafplatz. Irgendwie musste ich es geschafft haben und ich fiel nach viel Gefummel an der Rezeption eines dunklen Schlafzelts in ein Bett, vielleicht half mir jemand, ich weiß es nicht, und schlief endlich, lange und tief, sehr tief.


Ich erwachte desorientiert, wie auftauchend aus lichtlosen Meerestiefen. »Isodel, ich hatte einen schrecklichen Traum!«, exklamierte ich, als ich sah, dass Isodel über mein Bett gebeugt saß. »Isodel, ich träumte, ich säße in einem Flugzeug, das ganz aus Glas über den Boden flog, viel zu tief! Ich konnte die Wipfel der Bäume ganz nah unter mir sehen!« Isodel sprach kein Wort. Sie sah mich an und biss sich auf die Unterlippe, die blutleer und unnatürlich aussah. »Isodel, was?« Ich setzte mich im Bett auf und kam langsam in diese Welt zurück, wo ich vorher zwei Körper oder zumindest noch zwei Köpfe besessen hatte, löste sich einer auf und mir war, als wäre es sehr wichtig, nach der sich verflüchtigenden Erinnerung des Traums zu greifen, der mich mehr als Gefühl denn als Bildersammlung eingenommen hatte. »Der Pilot des Flugzeugs gab einen entnervten Kommentar über einen der wenigen Passagiere, ein Dutzend vielleicht, ab und teilte damit auch mit, dass wir deshalb gerade abstürzen. Er machte eine Lachnummer daraus, aber der Sinkflug und die geringe Chance des Überlebens war real. Die Maschine kippte in die Bäume und drehte sich und ich wusste, dass nur ein Wunder mich würde überleben lassen, also tat ich so etwas wie Beten, aber es war ein areligiöses Beten. Einer neben mir schaffte es nicht und sein Körper wurde teilweise von einem Baumstumpf zerrissen, während der Rumpf der Maschine langsam zum Stillstand kam und ich noch darin, das Ereignis überlebt, aber in einem Wald fern der Zivilisation.« 

Isodel sah nun ein wenig entspannter aus. Während der Erzählung hatte sie sich, dem Inhalt zum Trotz, zu einem Lächeln gewagt. Ich aber berichtete den zweiten Teil des Traums, bevor er mir verloren ging. »Danach befanden wir uns in einer Stadt auf dem asiatischen Kontinent oder vielleicht einer der Halbinseln. Die Häuser sahen aber nur vage exotisch aus, meist eher europäisch. Ich ging auf der Suche nach einem Anschlussflug durch die Stadt und auch durch Einkaufszentren, die unterirdisch lagen, als ich Schüsse hörte. In der ganzen Stadt brach Tumult aus und ich erfuhr nach und nach, dass es sich wohl um einen Terroranschlag handeln musste. Die Informationen kamen nur unkomplett und widersprüchlich über meinen Nachrichtenfeed auf dem Smartphone herein und ich hatte mehr damit zu tun, vor den Angreifern davonzurennen, aber sie schienen in der Überzahl zu sein. Aber auch diesmal kam ich überraschend davon. Der Schreck saß mir wieder tief. Wie ich später erfuhr, galt der Angriff westlichen Touristen und Einwanderern.« Auf meinem Gesicht verblieb der Schock ebenfalls noch wie Belag. Der Traum war mir tief in die Glieder gefahren und das Gefühl setzte sich wie ein Nachbeben resonant in meinen Knochen und meiner Magengegend fort.

Isodel öffnete nun den Mund. »Du hast einen ganzen Tag geschlafen, Pjond.« Ich war erstaunt. »Einen ganzen Tag? Was ist passiert?« Sie legte mir ihre Hand auf die Stirn und fühlte kurz. »Du hattest wohl Fieber und hast einen, naja, eigentlich eineinhalb Tage geschlafen und dich herumgewälzt. Wir waren alle ziemlich besorgt um dich. So wirklich einen Arzt gibt es hier nämlich nicht. Der Rezeptionist meinte, dass wir dich einfach schlafen lassen sollen und dass wenn es deine Zeit zu sterben sei, dass es dann eben Zeit sei und nichts weiter. Wir wussten aber auch nicht und das Fieber war nicht so stark, also haben wir dich schlafen lassen. Ich bin froh, dass du wieder da bist.« Sie sah auch froh aus. Froh und roh ihre offenen Gefühle, die über ihr Gesicht gingen.

Nach und nach trudelten die anderen ein. Es war bereits Abend geworden. Burtins Hände waren rot und glänzten im Licht der Öllampen, die in den Schlafzelten hingen und deren Ruß sich auf den bedruckten Tüchern, die einzelne Quartiere voneinander abgrenzten, abgeleckt hatte als schmieriger Lack. Burtin erzählte, wie er direkt mit offenen Armen empfangen wurde und gleich an die Kurbel gesetzt wurde – ein Posten, der einer der begehrtesten war, da er dort nach Zeit bezahlt wurde und nicht pro Meter gewickelter Nabelschnur. Das Kurbeln war anstrengend, aber Burtin erzählte stolz, wie er es wecksteckte, als sei es nichts. Wir sahen ihm aber alle an, dass er bereits jetzt schon unter tierischem Muskelkater litt und lachten darüber, weil er es auf komische Weise zu überspielen versuchte. Spätestens in zwei Tagen würde er beginnen, herumzujammern, wie wir es von ihm gewohnt waren.

Brea erzählte, wie sie mit einer Seilbahn, die an alte und besonders hohe Metallstäbe geknüpft war, in die Berge zu den Schneeperlenfarmen gefahren war und sofort von ihrer Vorgesetzten in Herz geschlossen wurde, die ihr die Einweisungen erteilte. »Die Leute sind so freundlich hier!« Natürlich gab es kleinere Verständnisprobleme hier und da, aber man arrangierte sich miteinander. Ein Lächeln hatte schon immer über Unsicherheiten eine Brücke bauen können. Brea bekam die unterschiedlichen Sorten der Schneemuscheln gezeigt und woran sie erkenne, dass die Muscheln ihre Perlen trugen. Das hatte fast einen ganzen Tag in Anspruch genommen. »Morgen soll ich schon anfangen. Koltuscha sagt, vor mir hat noch keine Arbeiterin so schnell die verschiedenen Muscheln sich merken können.« Brea strahlte, ebenfalls vor Stolz.

Isodel hatte den ganzen Tag an meinem Bett gesessen. Ich wusste, dass ihr verbleibendes Geld das eigentlich nicht zuließ, wusste aber die Geste zu schätzen und beschloss, das Geld für zwei zu erarbeiten, wenigstens für einen Tag. »Morgen suche ich mir auch endlich etwas. Heute ist es wohl zu spät.« Isodel sagte: »Bist du sicher, dass es dir besser geht?« Ich fühlte mich kaum geschwächt. Wenn überhaupt hatte mir der zusätzliche Schlaf eher Kräfte gegeben, die ich vorher nicht besaß. Ich fühlte mich so energiegeladen, dass ich am liebsten schon gleich irgendwo angepackt hätte. Aber in Irkutsk erloschen die Lampen bereits und es blieben nur einzelne Inseln in den Zelten, wo man sich um Feuer scharte, um die Kälte mit Alkohol, Singen und Lachen zu vertreiben, alles in den gedämpften Stimmen der Einheimischen. Uns deutete auch der Rezeptionist an – mich begrüßte er mit einem wissenden Nicken wieder im Land der Lebenden – dass wir das Licht zu löschen hatten. Wir nahmen den Metalltrichter, der an der Lampe im Zimmer hing und stülpten ihn über die Flamme, löschten so das Licht und zogen uns jeder in sein Bett zurück. Das Erzählen hatte mich dann doch schläfrig gemacht und mit einem »Morgen ist der Tag« auf den Lippen gemurmelt schlief ich erneut ein, diesmal aber traumlos.


Lasst mich von Irkutsk erzählen. Von der Stadtmitte aus, in der sich die größten Metallstäbe befinden, also folglich auch die größten Zelte, in denen Verwaltungspositionen und andere offizielle Ämter, aber auch reiche Bürger, untergebracht sind, ziehen sich die die Stäbe wie Wellen, wie konzentrische Kreise nach außen und verlaufen dann in den Berghängen auf der einen, auf der Tundra auf der anderen Seiten. Dazwischen gibt es einige Straßen, die aber nur schwer befahrbar sind, da sich niemand die Mühe machte, genügend der Metallstäbe zu entfernen, dass richtiger Autoverkehr innerhalb der Stadt möglich ist. Kleinere Gefährte für kurze Strecken können die Gassen allerdings passieren. Woher die Stäbe kamen, die auch im harten, gefrorenen Erdreich tief hineinreichten, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Ich fragte zwar die Einheimischen, wollte ihnen jedoch nicht glauben, dass die Stäbe eine natürliche Erscheinung waren, die von den ersten Siedlern so vorgefunden wurde. Laut den Behauptungen der Einheimischen sei so Irkutsk überhaupt möglich gewesen, da die Stäbe den Bau der Zeltstadt einfacher machen, wo in der Tundra eigentlich keine Siedlung hätte sein sollen. Später etablierte sich die Stadt erst als Raststätte zweier kreuzender Handelsstraßen und in den letzten Jahrzehnten als Produktionsstätte bestimmter regionaler Güter, die auch außerregional ihre Abnehmer fanden, wie zum Beispiel Schneeperlen, Nabelstrick, Mondweizen oder Stahlterrakotta. Wie irgend jemand daran glauben konnte, dass die Metallstäbe von Irkutsk natürlichen Ursprungs sein konnten, blieb mir jedoch für immer schleierhaft. Ich nehme an, dass sich die Einwohner selbst einen Scherz daraus machten oder ich hielt sogar alte Zivilisationen oder Außerirdische für wahrscheinlicher! Jedenfalls gab es außer den Zelten keine Gebäude in dem Sinne in Irkutsk. Wo keine Stäbe waren, gab es auch keine Häuser. Nur die Zelte, meistens etwa drei bis vier Meter hoch, machten die Stadt aus. Es passierte auch gelegentlich, dass sich befreundete Nachbarn Tunnel oder Durchgänge zwischen den Zelten eingerichtet hatten, dass sie nicht über die Straßen mussten, um sich zu besuchen. Ansonsten war der Stoff schwer und nur mit Mühe passierbar, wenn man darunter hindurch wollte. In den ärmeren Gegenden war der Stoff nicht so dick und Licht schien aus dem Inneren nach draußen und man konnte die Schatten der Bewohner sehen. Eine Konsequenz war auch die Durchlässigkeit für Geräusche, weshalb Irkutsk auch nachts in ein Murmeln oder Summen gehüllt war, das einer Séance in einer abgelegenen Höhle glich, unheimlich, aber aus vertrauten Satzmelodien bestehend und man kannte die, die dort sich versammelt hatten. Das war Irkutsk, wie ich es auf unserem Zwischenhalt vorfand.


Ich erwachte, als das Licht der Sonne kaum über dem sanft gezackten Horizont war. Das Knurren meines eigenen Magens weckte mich, bevor mich die erwachende Stadt wecken konnte. Irkutsk hatte sein Leben zu einem sanften Summen reduziert. Ich hörte eine Stimme, ein Singen, das mich anzog. Ich stieg aus dem Bett, dessen Pfosten zwei der Metallpfeiler aus dem Boden waren, die aber auch viel Kälte übertrugen, und zog mir wärmere Kleidung über. An der Rezeption war niemand. Alles schien noch in tiefem Traum versunken. Morgens war die Welt noch nicht real. Ich zog durch die gewundenen Pelzgänge zwischen den Wohn- und Kaufmannszelten und mich zog es hin zu dieser Stimme. Als ich sie erreichte, saß dort ein Mann, der so alt war, dass ich mich vielleicht um zwanzig Jahre verschätzt hätte, wenn ich sein Alter hätte bestimmen müssen. Vielleicht war er siebzig oder neunzig oder auch schon über hundert. Mit einem Löffel schlug er an zwei der Metallstäbe neben sich, dass es ein wohlklingende, aber traurige Melodie ergab. Dazu sang er mit seiner der Zeit enthobenen, kehligen Stimme ein Lied in der Landessprache. Ich fand Jahre später diese Übersetzung des Liedes:


Irkutsk, die Schöne


Irkutsk, du bist an mich gewachsen,

wie die Liebe um zwei junge Körper wächst.

Irkutsk, du bist schön, schön,

wenn du auch mir ins Herz gewachsen bist wie eine Krankheit.

Irkutsk, du bist schön. Irkutsk, du bist jung.

Ich kam einmal als Kind zu dir, ich war noch ein Kind

und wusste nicht, wie ich mit einer losen Masche an dir

hängenbleiben würde, die sich aufrollte.

Irkutsk, ich kam nackt zu dir zurück,

kein Kind mehr. Irkutsk, ich war kein Kind mehr,

als ich weinend an dein schönes Herz taumelte

und du empfingst mich mit deinen Nadeln.

Mein Körper blieb an dir hängen

und wurde jung, wie er vorher nie war.

Irkutsk, du bist schön.


»Nicht von hier, was?«, grinste mich der Mann zahnlos an. Er drehte sich eine Zigarette. »Wir sind nur auf der Durchreise, glaube ich«, sagte ich wenig überzeugt und fügte dann hinzu: »Mehr auf der Suche nach einem Job, erst einmal.« Der Alte hustete oder lachte. Vielleicht tat er auch beides. »Irkutsk hat Widerhaken. Die Stäbe hier sehen nicht so aus, sie sind glatt, du siehst, aber sie bleiben im Fleisch stecken. Irkutsk hat ein Gift und Stacheln.« Mir gefiel seine Metapher der Stadt nicht. Ich konnte fühlen, wie die Metallstäbe mir zwischen Haut und Muskeln gingen und dort stecken blieben. Weißes Bindegewebe klaffte auseinander, um Platz für die zahllosen Stäbe Irkutsks zu schaffen. Ich fühlte, wie die Stadt ihre Widerhaken unter meine Rippen setzte, um an mein weiches Herz zu gelangen, das sie kannibalisieren wollte. Ich griff mir instinktiv an die Rippen und rieb stark, dass der entstehenden Schmerz die Vorstellung vertriebe und es gelang mir etwas. Ohne weiter etwas zu sagen, ging ich. Der Alte rief mir noch hinterher: »Die Stäbe sind Rohre, in denen das Blut in den Boden fließt. Hähähä.« Ich beruhigte mich erst wieder, als ich sein ziegenhaftes Lachen nicht mehr vernehmen konnte.

Ich irrte ziellos durch die Gassen und war mir auch sehr sicher, dass ich mich verlaufen hatte. Ich konnte nach dieser unangenehmen Begegnung nicht mehr klar denken und musste mich in eine Richtung bewegen. Das Ziel war irrelevant. Ich weiß nicht wie, aber das nächste, woran ich mich erinnern kann, war ein Zelt mit Feuerstelle, über der ein schwerer, eiserner Topf hing, in denen ebenso schwerer, metallisch schmeckender Grog brodelte. Vermutlich war ich sehr orientierungslos um die Zelte gewandert, dass mich einer der Einheimischen hereingeholt hatte. Ich zitterte etwas, ob vor Kälte, das wusste ich nicht genau. Die Stäbe spürte ich noch immer mit all ihren giftigen Widerhaken unter meiner winterlichen, zerschundenen Haut. Die Einheimischen lachten, als ich ihnen davon berichtete, wie Brea und Burtin auf den Schneemuschelfarmen und bei den Nabelstrickern arbeiteten. Sie schlugen sich auf die Schenkel, dass das Geräusch von den massiven Pelzen des Zelts zurückgeworfen wurde und dann lachten sie schallend, als hätte ich den besten Witz gemacht, den sie seit Wochen gehört hatten. »Was ist damit falsch?«, fragte ich mit ernster Miene. »Dummenarbeit!«, prusteten sie und klopften sich wieder auf die Schenkel und hielten vor Lachen ihre Bäuche. »Könnt ihr davon überhaupt euer Bett bezahlen?«, kicherte ein rundlicher Mann mit Bart, der allerdings bestimmt zwei Meter groß war, wenn er aufstand und mehr etwas von einem Bären hatte als einem Menschen. »Ja«, erwiderte ich genervt, »wir sind sogar untergebracht im –«, ich nannte ihnen den Namen des Hostels, in dem wir schliefen. Der Name ist mir über die Zeit leider entfallen und auch Google hatte mir nie die richtige Bezeichnung ausgespuckt, auch wenn ich mehrmals in verschiedenen Abständen in den letzten Jahren danach gesucht hatte. Ich glaube, der Name des Hostels hatte eine ähnlich düstere Vorzeichenmacht wie das Lied, das mir auch heute noch körperliches Unwohlsein gibt. Ich fand den Namen aber nie wieder und auch als ich dann, wie vorhergesagt, zurück nach Irkutsk kam, war das Hostel schon lange verschwunden. Ich glaube generell, dass die Zeltstadt in einer ständigen Fluktuation war. Tücher und Pelze ließen sich zwar mit einigem Aufwand bewegen, aber das war natürlich nichts im Vergleich mit dem Versetzen eines gemauerten Hauses. Ich stellte mir vor, wie die Zelte sich strudelartig bewegten um das ominöse Zentrum der Stadt, das ich nie gesehen hatte, von dem ich aber wusste, dass es existierte. Möglicherweise war es aber auch nur ein Punkt wie der Nordpol, der zwar eine essentielle Bedeutung für den Planeten hat, aber praktisch gesehen sehr schwer genau zu bestimmen war, wenn man sich dort befand. So in etwa musste das Auge Irkutsks sein, um den sich die Zelte und die Stäbe herumbewegten. »Was für eine alberne Absteige!«, rief ein anderer, den seine Kameraden stets mit ›Onkel Betel‹ ansprachen und vor dem sie viel Respekt zu haben schienen. In dem Moment fühlte ich mich sehr auf den Arm genommen. »Das ist doch kein richtiges Leben, Junge!« Er schüttelte den Kopf, plötzlich war er wieder ernst geworden. »Nein, richtiges Geld machst du mit all dem nicht. Das ist kein Leben. Das ist kein richtiges Bett.« Ich wollte protestieren, denn wir waren ja nur auf der Durchreise, bis man uns wieder gebot, unsere Sachen zu packen und in den Zug zu steigen, bis wir irgendwann einmal dann ankommen sollten an unserem Zielort, wo wieder Freiheit für uns lag. Aber hier war nicht der Ort für uns, an den wir gehörten. »Nein, die richtige Rolle für einen Burschen wie dich ist der Austauscher.« »Austauscher?«, fragte ich ahnungslos. Wieder schien ich etwas sehr Komisches gesagt zu haben, denn sie fielen zurück in ihr Prusten und Lachen. »Komm schon, komm schon! Du wirst schon sehen, dass du deine Energie an anderer Stelle effektiver nutzen kannst.« Auf einmal wurde ich sehr bedrängt, denn sie standen alle um mich herum und bewegten mich nicht mit Gewalt, aber doch sehr bestimmt, dass es mir nicht eingefallen wäre, entgegenzusetzen. Ich wurde durch einen der Tunnel durch zwei Zelte geschleust, bis wir schließlich in einem violetten Zelt ankamen, das wenig beleuchtet war. Die Männer verschwanden wieder und ich hörte hinter mir das Geräusch sich schließender Pelzmatten, was sich anfühlte, als fiele hinter mir eine Tür ins Schloss oder ein Gitter zu.

Zuerst bemerkte ich den Geruch im violetten Hohlraum. Es roch nach Wacholder, aber auch sehr nach Metall, dennoch unheimlich süßlich. Im Raum waren Laternen verteilt, die aus Eisen bestanden und zahlreiche winzige Öffnungen hatten, dass Licht gedämpft und rot heraustrat und die Umgebung tränkte. Ich glaubte nicht, dass neben dieser Höhle noch eine andere Welt existieren konnte. Es gibt in dem Sinne nur Orte als Doppelung: Es gibt den Ort selbst, wie er real vorhanden ist und den Ort, wie er als übermalte Leinwand jedes Mal konstruiert wird. Der reale Ort ist vorhanden, auch wenn sich niemand an ihm befindet. Diese Basis des Orts ist unabhängig vom beobachtenden Bewusstsein. Der überlagerte Ort jedoch wird nur im Gehirn des Betrachters erzeugt, der den Ort übertüncht mit seinen Erwartungen und seinen Erinnerungen, die ihn zu etwas Symbolträchtigen machen, einer Metapher, die eine Verankerung im Boden besitzt. Die violette Höhle war für mich ein Ort, der zu einem Dritten wurden. Ich konnte spüren, wie ein anderes Bewusstsein in diesen Ort eingedrungen war und mich und meine Gedanken lenkte. Ich wurde an den Altar in der Mitte es Raumes herangeführt, auf dem ein junges Mädchen lag. Ihre Beine waren gespreizt und ihre Hände ruhten auf zwei Laternen. Bilder von Menschen in Rahmen, Blumenvasen, Reiskörner, Ketten, Perlen und einzelne Baum- und Blütenblätter lagen auf und vor dem Altar. Ich trat heran. Sie nahm ihre Hände herab und öffnete ihre Schamlippen damit, dass ihre Vagina gut sichtbar war. Wie selbstverständlich löste ich Gürtel und trennte mich von meiner Hose und Unterwäsche. Ich drang in sie ein, als bliebe mir keine andere Wahl. Sie musste noch Jungfrau sein, denn es trat etwas Blut aus und lief mir auf den Penis. Sie schien es nicht zu bemerken oder zumindest keinen Schmerz zu fühlen. Ich konnte nur hören, dass ihr Atem schneller wurde. Ich bewegte meine Hüften nach einem mir eingegebenen Rhythmus, als immer mehr Blut aus ihrer Vagina austrat. Für einen Moment war ich mir unsicher, ob eine Jungfrau so viel blutete, denn ich war vorher nie an einer Defloration selbst beteiligt gewesen. Doch als aus Blut eine Flut wurde, denn nur mit diesem Reim kann ich der Erinnerung einen Funken Wahrheit entlocken, war ich mir sicher, dass alles sehr falsch war. Sie aber stöhnte und schlang nun ihre Beine um mich, dass ich in dieser Umarmung gefangen war. Nun führte sie die pulsierenden Bewegungen durch, während das Blut rhythmisch an meinen Unterleib und meine Oberschenkel spritzte und von dort bereits in Strömen herunterlief, so dass es mir schwerfiel, mich auf dem rutschigen Untergrund auf den Beinen zu halten. Ich schrie, als Angst als die einzige richtige Reaktion auf die Situation übrig blieb. Dies trieb das Mädchen aber nur zu höheren Leistungen und Lustgeräuschen an. In diesem Bad aus nacktem Fleisch und Unterleibsblut kam mir der Sinn abhanden, Traum und Realität voneinander zu trennen. Ich glaube, ich verlor auch das Bewusstsein, als wäre es mein Blut, das ich verloren hatte.

In ein Handtuch gehüllt und vor einem dampfenden Zuber saß ich dann. Den Geräuschen von draußen nach war es nun später Morgen. Ich reinigte mich kraftlos und zog meine Sachen an, die man mir auf den Boden gelegt hatte. Onkel Betel trat herein und klopfte mir auf die Schulter mit seiner Hand. Dann warf er mir ein Bündel Geldscheine vor die Füße und ich wusste, dass es etwas gab, das ich nie würde abwaschen können, so sehr ich auch über meine brennende, gerötete Haut rieb. Ich floh aus dem Zelt. Diesmal lachten die Männer nicht mehr, als sie mich sahen. Sie wichen meinen Augen aus oder blickten gleich schweigend zu Boden.

Ich weiß nicht wie, aber ich fand das Hostel wieder, ohne mich dabei zu verlaufen. Ich hatte beschlossen, über die Art meines Geldverdienstes zu schweigen. Angeben wollte ich jedoch schon, denn Betel hatte mir mehr Geld gegeben, als Brea oder selbst Burtin mit ihrer Arbeit in einem ganzen Jahr erschuften hätten können. Diesen Moment des Triumphs wollte ich mir nicht nehmen lassen. Anhand dieses Punkts jedenfalls hatte ich meine Ansprüche weit übertroffen.

Vor dem Hostel stand unsere Gruppe, die Gesichter von allen waren bleich und ungesund. »Na, ich hoffe, ich hab euch nicht angesteckt mit meiner Krankheit von gestern, was?«, neckte ich sie. »Pjond ... du solltest ... Pjond ...«, sagte Merkr, mit dem ich nur wenig redete, aber doch stets eine vergleichsweise große Verbundenheit gefühlt hatte, für die es wenig Worte brauchte. »Pjond, du solltest vielleicht nicht dort reingehen ... Isodel ...« Ich wusste nicht, was er damit meinte. Ich war beschwingt und beinahe fröhlich.

Ich betrat das Zelt und sofort verschlug mir der Geruch, wie ich ihn im violetten Zelt aufgenommen hatte, den Atem. Der metallische Gestank drang tief und nass in meine Lunge ein, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte. Ich zog zwar meinen Pullover über die Nase und hielt mir die Hand vor den Mund, aber der Gestank war mächtiger und omnipräsent. Der Rezeptionist stand im Vorraum und nickte: »Wenn die Zeit da ist, ist die Zeit da.« In unserem Zimmer sah ich Isodel in ihrem Bett liegen. Isodels Unterleib fehlte bis zu den Oberschenkeln, deren Knochen abgebrochen aus dem matschigen Fleisch ragten, das ihre Beine gewesen waren. Organe, die ich nicht zuordnen konnte, lagen in dem dunklen Blut auf dem Bett, die aus ihrem Körper herausgerutscht waren, weil dort kein Gewebe und kein Beckenknochen mehr waren, was sie hielt. Es war, als hätte jemand oder etwas Isodels Unterleib herausgestanzt. Isodels Augen waren trotz der unwirklichen Szene geschlossen wie im Schlaf. Ihr Mund war leicht geöffnet und ihr war ein Tropfen Blut über die Lippen gelaufen. Sie hatte sich wohl im Schlaf das Oberhemd abgestreift und ich konnte ihre Brüste sehen, die ich damals zum ersten Mal sah. Isodel hatte schöne Brüste, viel schöner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Hätte sie nur geschlafen, hätte ich mich nicht getraut, sie auch nur offen anzuschauen. Ich hätte ihr wieder die Decke übergelegt und mich an diesen schönen Anblick noch lange erinnert. Ich hatte Isodel sehr lieb gehabt. So lieb, dass ich alles in seiner korrekten Ordnung mit ihr hatte machen wollen. Aber an jenem Tag, der nicht Traum, aber auch nicht ganz Realität war, schaute ich nur auf ihre wohlgeformten Brüste.

Irkutsk, du bist mir nicht nur durch meinen Körper gewachsen, sondern durch zwei. Einer hielt deinem Stahl nicht stand und der andere verfing sich in deinen Widerhaken wie ein Fisch, dessen Silber nur ein Spiel von Reflektion und Wellen war. Du bist mir ans Herz gewachsen, Irkutsk, aber du hast dort nicht Halt gemacht und bist ein Stück weiter gewachsen, bis es zu viel war. Ich bin ein Mensch und du bist eine Stadt, die mehr ist als die Menschen in ihr. Du strudelst um das Auge der Mitte, unter dir ein zentraler Stein, aus dem du entsprungen bist. Deine Stäbe sind die Nadeln eines außerirdischen Seeigels, der sich wieder ins Freie zu graben versucht und dabei nicht Acht gibt, wenn er dabei ein paar Unbeteiligte aufspießt. Irkutsk war eine Haut, eine Membran, ein kriechendes und krabbelndes Ärgernis, das die gefrorenen Berge erklomm und wieder in sich zusammenfiel.

Ich dachte: Wir werden bestimmt heißes Wasser benötigen, um den Boden für ihr Grab auftauen zu können. Es geht bestimmt besser, wenn wir den Topf mit dem Grog nehmen, um den Boden aufzutauen.


Irkutsk fing als Erkundung einer Welt an, die nah an diese herankommt, aber nicht ganz. Die Idee kam mir vom Hören des Namens der Stadt. Ich wollte eine Geschichte mit diesem Namen schreiben, ohne die Stadt selbst nachzuschlagen. Selbst jetzt weiß ich nicht, wie das reale Irkutsk aussieht.

Das Ergebnis war eine unheimliche Zeltstadt, die auf aus dem Boden ragenden Metallstäben gebaut war. Die Stadt selbst erscheint als eine mittelalterliche, veränderliche Festung, während die moderne Welt nur in Träumen oder Erzählungen existiert. Diesen Gegensatz wollte ich in der Geschichte sehr betonen. Meine ursprüngliche Idee rankte um die Beschreibung der Tätigkeiten in der Stadt (Nabelspinner, Schneeperlen usw.), aber die Geschichte entwickelte schnell ihr Eigenleben und wurde dreimal länger als geplant. Am Ende war ich dann sehr zufrieden und bekam auch etwas später beim Grogtrinken meinen Abschluss und meine Katharsis. Irkutsk schrieb ich, ohne Bezug auf vorherige Symbole und Ereignisse meiner anderen Kurzgeschichten zu nehmen. Ich wollte die Geschichte als isolierte Insel stehen haben in meiner Sammlung. Ich glaube, deshalb hat sie auch recht eigene Formen angenommen und wurde dadurch interessanter, als ich ursprünglich geplant hatte.


Irkutsk started as an exploration of a world that is close to ours but not quite. I got the idea just from the name itself. I wanted to write a story with that title but without looking up the city. Even now I don't know what the real world counterpart is like.

The result was a medieval city of tents in which all the life of the city happens. The protagonist and his companions arrive as workers and quickly take up uncanny jobs. One works as a umbilical cord spinner and one harvests snow pearls in the mountains with acrylic glass staffs. The protagonist himself goes to bed immediately after the arrival. He has a wild dream of a plane crashing and a terrorist attack in the underbelly of a big city. When he recalls this dream his friend listens. She then tells him he had slept for an entire day and everyone was worried for him.  The next day he walks around in this city of tents that are built around metal rods emerging from the ground. The tents are shifting and people form pathways between them. There are no cars in the city and smoke is rising from inside the tents from people cooking on open fires. The protagonist then joins a group of locals who tell him they got a job for him that will earn him in a single day as much as the others would make in a month. They want him to work as an "exchanger". They then shove him into a tent with a girl and he sleeps with her. The girl bleeds excessively and the protagonist tries to escape but the girl forces him to continue. Afterwards he is given the money as promised and returns to his hostel tent. He finds his friend dead in a mess of flesh and blood and starts musing about how they will have to use something to thaw the frozen earth in order to bury her.

When I started the story I had only planned to talk about the odd jobs of the group. But the story quickly developed a life of its own and became three times longer than I had imagined. A main drive of the story was to juxtapose the medievalness of the city to the modern world that only exists in dreams and the narration. I also wanted the city of Irkutsk to be an isolated island by making the conscious choice to not reference any other short story or symbol I had used before it. I think the story became a lot more interesting because of it.