Regen prasselt gegen die Holzwand der Hütte. Das Dach war undicht und es wurde kalt, doch niemand achtete nun darauf. 

Zwei in Fälle gewickelte Kinder stehen in der offenen Tür und starren nach draußen. Es dämmert und der Weg, der ihre Hütte mit dem Dorf verband, hatte sich in ein Bad aus Matsch und Dreck verwandelt. 

Andrin, der ältere Bruder des neben ihm stehenden, zitternden Mädchens, betrachtete einen Regenwurm im Matsch, als ein großer, bärtiger Mann aus dem Gebüsch brach. 

"Es ist Zeit Kinder. Beeilt euch!" 

Der Mann dreht sich um und geht wieder in den Wald. Die Kinder folgen ihm. In der ferne konnte Andrin das Meer rauschen hören. Die Wellen wie sie angestachelt vom Wind, den Kampf mit den Felsen aufnahmen. Eines Tages würden sie gewinnen. Dessen war er sich sicher.

Schon nach kurzer Zeit waren sie bis auf die Haut durchnässt. 

Aaltje rutschte auf einem mit Moos bewachsenen Stein aus und konnte nicht mehr laufen. Andrin stützte sie und gemeinsam folgten sie ihrem Vater. Der Weg war beschwerlich und Andrin hatte Angst. Sein Vater hatte nie zuvor seine Axt mitgenommen. 

Das brechen der Wellen wurde lauter. Er hatte das Gefühl, das auch der Wind immer stärker werden würde. Wieso mussten sie jetzt hier raus. Wieso konnten sie nicht bleiben wie auch bis her? Niemand hatte ihm etwas gesagt oder erklärt.

Aaltje fing an zu schluchzen. Auch Andrin selber konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Dazu musste er seine kleine Schwester stützen. Seine Füße waren schwer vom Wasser und vom Matsch aber er hatte zu viel Angst als das er stehen bleiben würde.

Ein Schrei ertönte hinter ihnen. Wie angewurzelt, blieb sein Vater stehen und blickte in die Richtung, aus der sie kamen und dann auf seine zwei Kinder. 

Er kniete sich hin und nahm das Gesicht seines Sohnes in beide Hände.

"egal was auch passieren wird, du wirst auf deine Schwester Acht geben und für sie sorgen! Ist das klar?"

Andrin nickte stumm, unfähig etwas zu sagen

"Die Reise wird nicht einfach werden, aber sie ist notwendig, damit ihr und eure Mutter in Sicherheit seid!" sagte er weiter. 

"Aber Vater, du kommst doch mit uns!" viel ihm Andrin ins Wort.

"Das war der Plan. Doch nun ist dafür keine Zeit mehr. Erzähl deiner Mutter was passiert ist. Sag ihr das ich sie aufhalten musste. Ich werde euch Zeit verschaffen."

Er atmete tief ein und sagte dann, jetzt lauter als zuvor 

"Bei Wodan, das werde ich!"

Er stand auf. Andrin sah ihn jetzt entschlossen an und nickte. Sein Vater beugte sich herab und küsste seine beiden Kinder auf die Stirn. Dann sagte er 

"geht den Pfad weiter geradeaus, bis ihr zum Dock kommt. Dort wartet eure Mutter mit dem Schiff."

Er drehte sich um und lief mit gezückter Axt auf die Geräusche hinter ihnen zu.

Andrin schaute ihm nach, dann nahm er seine Schwester bei der Schulter und ging mit ihr weiter den Pfad hinab. Der Weg war nun zu einem steilen Abhang geworden. Links von ihnen klaffte eine tiefe Klippe deren Boden aus kaltem, salzigem Wasser bestand. 

Die Geräusche hinter ihnen wurden immer lauter. Sie würden es nicht rechtzeitig zum Schiff schaffen. Doch er durfte nicht aufgeben. Der Wind peitschte nun um sein Gesicht und er musste die Augen im Regen zusammenkneifen. 

Er hörte ein Lachen hinter sich. Die Verfolger hatten sie eingeholt. Er drehte sich um. 

Mit dem Rücken stand er zu der Klippe und vor ihm stand ein großer, muskulöser Mann, mit Bart und Schmucksteinen ihm Haar. Beim Anblick von Aaltje griff er sich an den Gürtel und lockerte diesen. Er kam auf die beiden Kinder zu. Seine Hose war nun offen und Andrin konnte sehen, was er vorhatte. Andrin schob seine Schwester hinter sich und griff mit der Rechten an das Messer in seinem Hosenbund. 

Der Mann erreichte die zwei durchnässten Geschwister und war im Begriff Andrin zur Seite zu stoßen, als dieser mit einem Schrei das Messer hervorholte und dem Angreifer damit ins Gesicht schnitt. 

Die Spitze der Klinge glitt durch seine Wange und brach ihm eine Hand voll Zähne ab. Andrin riss das Messer wieder zurück und schnitt so ein weiteres Mal durch das Fleisch des Mannes. 

Dieser heulte auf vor Entsetzen und schlug Andrin mit der Faust ins Gesicht. Andrin verlor das Bewusstsein und kam erst wieder zu sich, als er den Fremden sah, wie er anfing sich über seine Schwester zu beugen. Blut lief aus dem, was einmal ein Mund gewesen war.

Hinter ihm hörte er es rascheln und plötzlich sprang sein Vater, aus etlichen Wunden blutend aus dem Unterholz und rammte den Fremden mit der Schulter von seiner Tochter.

Er sah seinen Vater, wie dieser mit dem Fremden kämpfte. Der Fremde landete einen treffe und Andrin sah, wie der Kiefer seines Vaters brach. 

Er wollte helfen, doch er konnte sich nicht rühren, er war erstarrt. Er war nur Zuschauer.

Er sah wie sein Vater anfing zu Schrein, den Fremden packte und mit ihm auf die Klippe zulief. 

Er rannte und rannte, während der Fremde unablässig mit der Faust auf seinen Kopf schlug.

Der dunkelgraue Himmel wurde von einem Blitz durchzuckt. Andrin konnte für einen kurzen Moment sehen wie sich das Licht in den Tausenden Regentropfen spiegelte.

Dann waren sein Vater und auch der Fremde verschwunden. Als wären sie nie da gewesen. Nur das Blut, das am Griff seines Messers hinab ran, war der Beweis dafür, dass es wirklich geschehen war.

Andrin öffnete die Augen. Er war eingeschlafen. Der Boden unter seinen Füßen schwankte und er musste sich aufsetzen. Er begriff das er sich auf einem Schiff befand und ihm viel alles wieder ein. Die Hütte, sein Vater, der Fremde, die Klippe. Sein Kopf dröhnte, mit den Fingern der linken Hand, berührte er sein linkes Auge. Es war geschwollen und aus einem kleinem schnitt an seiner Augenbraue fließ ein kleines Rinnsal aus Blut. 

Neben ihm lag seine Mutter und seine kleine Schwester schlief in ihrem Arm. Gischt spritzte über die Reling und landete in seinem Gesicht. Das Wasser brannte in seinen Augen. Männer mit Bärten und verzerrten Gesichtern saßen an den Rudern. Ein Platz unter ihnen war frei. Andrin wusste wer dort hätte sitzen sollen. Er legte die linke Hand auf die Schulter seiner Schwester. So hatte er sich die Reise nicht vorgestellt.