Meine wohlhabende Familie
 
Ich bin Teil einer wohlhabenden amerikanischen Familie in einem wohlhabenden amerikanischen Vorort.

Das Leben ist die Hölle.

Jeden Morgen stehen Ich und der Rest der Ehefrauen um Punkt 5 Uhr auf. Fünfzehn Minuten joggen in der Nachbarschaft, fünf Minuten in der Dusche (mit kaltem Wasser), zwanzig Minuten für Haare und Makeup und zuletzt fünf Minuten um uns zu bekleiden. Wenn wir alles rechtzeitig schaffen, also nicht später als 5:45 Uhr fertig sind, dann dürfen wir feste Nahrung und Kaffee zu uns nehmen.

Wir leben in einem Vorort. Es ist weiß, wohlhabend und in sich geschlossen. Wir dürfen nicht weggehen. Meine Familie sind die Bakers: Der Ehemann, der Junge und das Mädchen.

Waschen, kochen und aufräumen. Pausenbrote machen. Junge, Mädchen und Ehemann verabschieden. Pflanzen gießen. Betten machen. Waschen und aufräumen. Kinder und Ehemann begrüßen. Kochen, waschen und aufräumen. Beten. Ins Bett gehen. Manchmal deutet mein Ehemann mir, dass ich mich auf den Rücken legen soll damit er mich ficken kann: ,,Auf den Rücken. Leg dich auf den Rücken. Ja-a-a-a-a. Genauso. Oh ja, oh ja." Als wäre ich ein geistig behindertes Kind oder ein Tier. Wenn er fertig ist, rollt er sich zur Seite und schnarcht.

Mit den anderen Ehefrauen zu sprechen ist nicht erwünscht aber auch nicht verboten. Die Konversationen die wir Ehefrauen untereinander haben bestehen einzig und allein aus Small-Talk. Manchmal aber essen wir auch etwas mit einer "Freundin" im Frauen Café. Und wenn unsere Kinder in der Schule und unsere Ehemänner auf der Arbeit sind verbringen wir hin und wieder unsere Zeit damit uns gegenseitig unsere Fotzen zu lecken.

Es ist nicht perfekt. Es ist nicht mal gut... meistens. Aber es ist Etwas. Ein Beispiel dafür, dass wir unter all diesen pinken Lippenstift Lächeln, eingeschüchterten Stimmen und perfekten Frisuren nicht alleine sind.

Diese pinken Lippenstift Lächeln erreichen aber niemals die Augen.

Paul Baker mag Blondinen mit blauen Augen, Stupsnasen und verführerischen Körpermerkmalen. Er mag sie zwischen 1,70m und 1,78m groß. Er mag sie dünn mit fast androgynen Körpern und im Alter zwischen zwanzig und sechsundzwanzig Jahren. Wenn sich irgendwelche dieser Dinge ändern oder wir zu alt werden, ruft er die Agentur und verlangt ein neues Model.

Sie haben mir erzählt das mein Name Sharon Baker ist. Ist er aber nicht. Ich weiß nicht wie viele Sharon Baker es vor mir gab. Aber der Junge und das Mädchen sind Teenager, was bedeutet das es einige vor mir gegeben haben muss. Was ich aber weiß, ist, dass ich am 20. November 1990 geboren wurde. Heute ist mein sechsundzwanzigster Geburtstag.

Da meine Erinnerungen gelöscht wurden, während der Dressur, ist das erste woran ich mich erinnere, wie das luxuriöse Auto der Agentur vor dem Haus der Bakers hielt.

,,Du erinnerst dich an dieses Haus, richtig?" sagte der Mann neben mir auf dem Rücksitz. ,,Du erinnerst dich."

,,Ja" sagte ich. Sie haben mir viele Bilder gezeigt.

Sie haben mich aus dem Wagen entlassen. Ich ging den perfekten grünen Rasen entlang zur Haustür, öffnete sie und ging sofort in die Küche. Junge und Mädchen saßen dort und machten ihre Hausaufgaben. Sie schauten mich an. ,,Hallo, Mom."

,,Hallo, Sportsfreund. Hallo Prinzessin."

,,Was gibt es zu essen?"

Ich wusste wie ich diese Frage beantworte. Es fühlte sich an als hätte ich es schon tausend Mal gemacht. Mit meinem pinken Lippenstift Lächeln ging ich zum Kühlschrank und fragte: ,,Was möchtet ihr?"

Mein Ehemann hatte die Agentur vor sechs Wochen kontaktiert. Das ist der Zeitraum den die Agentur brauchte um mich zu finden und mich zu entführen... woher auch immer ich herkam. An das meiste der Dressur und des Trainings kann ich mich nicht mehr erinnern. Manchmal kommen aber kleine Erinnerungen: Ununterbrochene Musik, dauerhaftes reden, viele Bilder und schmerzender Hunger.

Aber das war egal.

Nach einer Woche in der Position als Familie Bakers Ehefrau und Mutter lernte ich Diana Bell kennen. Durch irgendeinen Zufall gossen wir zur gleichen Zeit unsere Blumen. Mr. Bell mag  schmunzelnde Rotschöpfe mit grünen Augen und Knopfnasen. Er mag sie zwischen 1.63m und 1.70m groß. Er mag sie dünn, aber kurvig. Er mag sie im Alter zwischen fünfundzwanzig und neunundzwanzig Jahren.

,,Guten Morgen." sagte sie.

,,Guten Morgen." sagte ich.

Wir lächelten. Unsere Augen trafen sich und waren wie gefroren. Ich bemerkte etwas, dass ein Kribbeln in meinem Bauch auslöste. Ihr Lächeln. Ihre Lippen waren nicht pink wie die der anderen Ehefrauen. Sie waren rot wie das Blut.

Ich weiß nicht ob ich jemals eine Frau gewollt hätte, bevor ich zur Ehefrau wurde. Aber nach ein paar Tagen unserer kleinen Affäre, die daraus Bestand das Diana immer wieder über den Gartenzaun gesprungen kam, mich an die Hand nahm um sich dann auf Zehenspitzen zu stellen und mich zu küssen, erwischte ich mich dabei wie ich die Küsse erwiderte.

Das Leben wurde schöner. Meine Verabschiedungen am Morgen von meiner Familie, den Bakers wurden immer enthusiastischer, weil ich wusste, dass sobald sie weg waren, ich raus in den Garten gingen konnte und mit Diana sein konnte. Nun ja, bis meine Familie wieder Heim kam. Wir redeten viel. Wir waren da, geschützt von den Blicken anderer, durch Büsche und Sträucher und wir hielten uns gegenseitig und sprachen miteinander und weinten miteinander. Wir küssten uns gegenseitig die Tränen von den Gesichtern. Manchmal machten wir auch Liebe. Es war eine Möglichkeit zu vergessen und sich nicht mehr allein zu fühlen - Sharon und Diana gegen den Rest der Welt.

Jahre vergingen. Zeit verging. Wir verliebten uns.

,,Hey." sagte sie einmal. ,,Ich mag dich wirklich sehr."

Ich lachte und schaute runter auf die vage kompromittierende Stellung in der wir gerade waren. ,,Das glaube ich dir."

Sie reichte mit ihrer Hand in mein Gesicht um eine kleine Locke aus meinem Gesicht zu entfernen. Und dann sagte sie mit ihrem verheerenden roten Lächeln: ,,So meine ich das nicht. Du bist wirklich hübsch. Aber ich habe schon mal Dinge mit einer anderen Ehefrau getan. Aber du bist komplett anders. Ich kenne dich so lange und ich mag dich wirklich, wirklich sehr."

Unser Verfallsdatum kam näher.

An einem Nachmittag fuhr ein Van in die Einfahrt der Bells ein. Nach kurzer Zeit verschwand er allerdings wieder. Am folgenden Morgen ging ich den Garten um mich wie immer mit ihr zu treffen. Diana war nicht da.

,,Guten Morgen.'' sagte ich zu der grünäugigen Brünette mit der Knopfnase die lächelte während sie die Blumen goss.

Sie gab mir ein pinkes Lippenstift Lächeln. Ein verdammtes pinkes Lippenstift Lächeln. ,,Guten Morgen."

Diana wurde ersetzt. Sie war weg. Sie war weg, sie war weg und ich würde sie niemals wiedersehen. Ich stand dort in dem Moment. Ich hätte auf meine Knie fallen können und den kompletten Kaffee ausspucken können den ich zum Frühstück hatte.

Aber das hätte nichts geändert.

Also nahm ich die Gießkanne und zwang mich sie zu fragen: ,,Wie geht’s dir diesen Morgen?"

An diesem Nachmittag ist mir klargeworden, dass meine Zeit in der Position als Familie Bakers Ehefrau und Mutter schon mehr als zur Hälfte vorbei war. Ich war zu diesem Zeitpunkt dreiundzwanzig Jahre alt. Langsam aber sicher wurde ich alt. Saure Milch, totes Fleisch. Paul Baker, welcher mich ein weiteres Mal wund liegen gelassen hatte nach seinem Verlangen zu ficken, hatte auch langsam genug von mir.

Ich habe das Essen anbraten lassen an dem Abend. Das allererste Mal. Paul stand auf und schlug mich mit dem Gesicht zuerst auf die Küchenplatte und schrie sich dabei die Seele aus dem Leib während der Junge und das Mädchen dort saßen und zuschauten. "Nutzlose Hure, hässlige Schlampe, verdammte Nutte!"

Später, als alle schliefen, telefonierte er. Ich erinnere mich daran, wie ich in der Dunkelheit, mein geprelltes Gesicht umklammert, in mich selbst gerollt und versuchend zu Atmen, lag. Was ist, wenn er die Agentur anruft? Was ist, wenn ich weggebracht werde und ersetzt werde wie Diana?

Dann kam Paul und legte sich ins Bett neben mir. Zusammen, Seite an Seite, lagen wir dort und starrten an die Decke. Die Stille fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Und dann sagte er: ,,Mach das nicht nochmal, Sharon.''

,,Werde ich nicht." sagte ich. ,,Werde ich nicht, John."

Auch wenn es das Leben vielleicht leichter gemacht hätte, konnte ich mich nicht mit der neuen Diana Bell anfreunden. Egal wie ähnlich sie meiner Diana aussah, sie war zu verschieden. Oder vermutlich wahrscheinlicher: Sie war zu sehr wie alle anderen mit ihrem pinken Mund und ihren toten Augen.

Unsere Nachbarn auf der anderen Seite waren die Millers. Sie waren klein und fett. Fetter Ehemann, fetter Junge 1, fetter Junge 2 und fettes Baby. Das einzige Mitglied der Familie, welches nicht fett war, war die Ehefrau Susan. Sie war so ziemlich eine Amazone. Ich vermute Mr. Miller hatte eine spezielle Vorliebe für starke Frauen.

Susan ist die einzige Ehefrau von der ich weiß, dass sie durchgedreht ist.

Vor ungefähr einem Jahr, wurden Paul und ich mitten in der Nacht durch Schreie geweckt. Wir sahen uns gegenseitig an, in gemeinsamer Verwirrung, bevor wir die Treppen hinunterliefen um nachzusehen was los war.

Die Millers hatten immer ein jährliches Schweinebratenfest. Jede Familie in der Straße wurde eingeladen und man sammelte sich um ein Lagerfeuer. Nach stundenlangem gezwungenem lächeln würde Susan uns ein Stück von ihrem salzigen Schweinebraten abschneiden. Es war immer so lecker.

Das Fleisch das auf ihrem perfekten grünen Rasen lag sah dieses mal nicht so appetitlich aus wie üblich. Fett, schwitzig, schmieriges braunes Haar und einer Brille mit runden Gläsern auf dem Gesicht. Es war überraschend, dass die Brille nach der Tortur immer noch auf seinem Gesicht war. Schließlich wurde ihm ein Spieß durch den Arsch gesteckt. Die Spitze die aus seinem Mund herauskam hatte einen glänzenden roten Punkt.

,,Du hättest das verdammte Ding im Voraus bestellen sollen!" schrie Susan während sie auf und ab vor Mr. Millers aufgespießter Leiche lief. Mit ihren Händen durch die Haare fuhrend und wild gestikulierend schrie sie weiterhin: ,,Es würde nicht rechtzeitig ankommen, du dummes Schwein! Ich musste das tun! Ich hatte keine andere Wahl! Das ist deine schuld! Du blamierst unsere Familie vor der gesammten Nachbarschaft! Es ist nicht meine Schuld! Es ist nicht meine Schuld!"

Nach einer weiteren Minute, in der Paul und Ich in staunender Stille zusahen, kam ein weißer Van aus dem vier Männer in schwarz heraus stürmten. Sie packten Susan, wickelten sie ein und schliefen sie bis hinten zum Van wo sie anschließend hineingeworfen wurde. Sie trat und schrie den ganzen Weg entlang: ,,Nein! Nein, heute ist das Fest! Ich bin die Gastgeberin, ich bin eine gute Gastgeberin! Lasst mich gehen!" Wir konnten sie selbst noch dann hören, als sie fast schon die Straße runter waren.

Die Leiche von Mr. Miller wurde weggeschafft. Die fetten Jungen und das fette Baby wurden auch weggeschafft. Eine neue Familie kam ungefähr drei Wochen später. Paul murmelte etwas von Untersuchungen auf geistige Erkrankungen bei Ehefrauen und das die Methoden der Dressur geändert werden sollte.

Ich sah Susan nie wieder.

Jetzt bin ich an der Reihe und ich kann nur sitzen und warten. Die örtliche Polizei steckt mit der Agentur unter einer Decke. Ich wäre auch nicht überrascht, wenn die Agentur noch mehr Einfluss hätte. Geld ist ja schließlich Macht. Aber sie haben nicht euch alle, oder? Sie haben auf jeden Fall nicht eure Gedanken.

Und auch wenn ich mich nicht erinnern kann, wer Ich bin, jemand dort draußen weiß es bestimmt. Du hast meine Beschreibung, meinen Geburtstag und du weißt seit wann ich vermisst werde. Wenn irgendeine Verbindung mit irgendwem entsteht, oder falls du jemanden kennst der Ich sein könnte und auch vor sechs Jahren verschwunden ist, dann sag meiner Familie das ich sie liebe und es mir leidtut. Oder falls ich keine Familie habe, sag es meinen Freunden. Ich muss doch irgendwas haben... Ich muss doch... irgendwen haben.

Der Van ist da. Sie sind hier, ich muss gehen