Omas & Kunst
 
Kunst ist eine der letzten wirklichen Abenteuerreisen.

Mit nur dem Nötigsten in der Tasche bricht da einer auf zu einer Mission,

dessen Sinn nur wenige verstehen.

Oft am wenigsten der Reisende selbst.

Ich bin auf diesem Abenteuer.

Das ist mein Logbuch.


***


Ich verbringe den Großteil meines Tages mit Arbeit, die meine Oma nicht als Arbeit erkennen würde.


Meine slowakische Großmutter ist mehr als nur bodenständig. Sie ist Jahrgang 1931, sieben Jahre zur Schule gegangen und hat danach in der Landwirtschaft gearbeitet. Am Tag der Geburt meines Vaters hat sie noch auf dem Feld gearbeitet und vor der Abfahrt ins Krankenhaus noch schnell die Kuh gemolken. Sie hat einen Krieg erlebt, ihre Familie durchgebracht und ihr ganzes Leben schwer körperlich gearbeitet. Als alte Frau hat sie zwanzig Jahre lang allein auf einem Berg gelebt. Wenn sie kochen wollte, hat sie Holz gehackt. Wenn sie Wasser brauchte, ist sie zum Brunnen gegangen.


Seit kurzem hat sie verstanden, dass ihre heißgeliebte Enkeltochter (ich) keinen „richtigen“ Beruf ausüben wird. Seitdem fragt sie mich, wann ich ihr endlich ihre Urenkel mitbringe. Ich lächle dann meist entschuldigend.


Die Haltung meiner Oma hat mich mehr geprägt als ich es wahrhaben will. Ich versuche den Ethos der ehrlich und hart Arbeitenden mit in meinen Künstleralltag zu nehmen. Der Tag ist mein Feld, das es zu beackern gilt. Ich gehe nur dann mit einem guten Gefühl ins Bett, wenn der Tag mich Schweiß gekostet hat.


Im Moment arbeite ich intensiv an neuen Songs. Ich begebe mich damit ins Epizentrum meiner Kreativität. Und ich habe festgestellt: Ich komme hier mit meinem Arbeit-muss-Schweiß-kosten-Ethos nicht so weit. Ich fahre mich damit eher fest. Mich UND den Song.

Mir wurde vor kurzem gesagt: "Kreativität ist sinnlich, Suska. Nicht logisch. Das ist Spiel, entspann dich mal. Genieß etwas mehr und gönn dir was.“ 

Der Ethos der hart Arbeitenden in mir schreit: „Mich entspannen?!". Dieses Künstlerding ist doch ohnehin schon Eitelkeit und jetzt soll ich auch noch die Füße hochlegen? Oh. Man. 


Auf der anderen Seite habe ich mich ja nun mal für dieses Musik-Ding entschieden und ich möchte es gut machen. Außerdem hat schon Coelho gesagt, dass er mit vollen Sinnen lebt ohne dabei an das Schreiben zu denken. Bis, ja, bis er sich an den Schreibtisch setzt und sein neues Buch schreibt. Dann schöpft er aus dem Brunnen, den er durch sinnliches Erleben gefüllt hat. 

Aus dem Brunnen schöpfen...- scheint, als gäbe es doch eine Parallele zum Leben meiner bodenständigen Oma.


Passt auf euch auf.

X -suska