Tagebuch: Hat Writing Bull kein Herz für Flüchtlinge?
 
Damit hatte ich nicht gerechnet! Damit, dass ich für meine wenig humanen Entscheidungen bei Frostpunk so viel Unmut auf mich ziehen würde. Für mich ein klares Zeichen dafür, dass die Entwickler tatsächlich eine Spielwelt erschaffen konnten, die von den Spielern als echt und wahrhaftig erlebt wird.

Die polnischen 11bit Studios hatten einen Titel versprochen, der den Käufern schwierige ethische Entscheidungen abverlangt und starke Emotionen schürt. Wer einen Beweis dafür sucht, dass das den Entwicklern tatsächlich gelungen ist, findet ihn in den Kommentarspalten unter meinen Videos.

Von Beginn an war ich in meinem Let's Play in die Rolle eines Gouverneurs geschlüpft, der seine Entscheidungen ausschließlich am Wohl der Mehrheit orientiert und für dieses Ziel das Mitgefühl für das Schicksal Einzelner opfert. Den Zuschauern war dabei zwar bisweilen etwas unbehaglich zumute, aber im Großen und Ganzen regte sich recht wenig Unmut.

Allerdings lief das nur so lange gut, wie meine Scouts alle Flüchtlinge, auf die sie in der Wildnis trafen, in unser Camp lotsten und persönlich darauf achteten, dass bei der Wanderung niemand zu schaden kam. Als ich jedoch damit begann, Flüchtlingsgruppen abzuweisen und nicht mehr in die Stadt zu lassen, begann die Stimmung in den Kommentaren zu kippen.

Mehr und mehr Zuschauer zeigten offen ihr Unbehagen oder sogar ihr Entsetzen über meine Flüchtlingspolitik. Der eine oder andere Kommentator fragte sich sogar laut, ob ich im wirklichen Leben auch einen solch schlechten Charakter hätte. 

Rechnet sich Nächstenliebe?

Nüchtern betrachtet, hatte ich eigentlich mein Auftreten gar nicht verändert. Ich war der rationale und gefühlskalte Verwalter geblieben, als der ich mich von Beginn an inszeniert hatte. Wenn ich anfangs Flüchtlinge aufgenommen hatte, hatte ich das nie mit Mitmenschlichkeit oder Nächstenliebe begründet, sondern schlicht damit, dass ich mehr Arbeitskräfte rekrutieren wollte. 

Irgendwann im Verlauf der Partie war aber der Punkt erreicht, dass wir genug Leute im Städtchen hatten, die mit anpacken konnten. Als dann weitere Flüchtlingsgruppen um Einlass baten, blieb ich meiner Rolle treu und bewertete diese Menschen strikt nach ihrer Nützlichkeit als Wirtschaftsfaktor. Ob diese Hilfsbedürftigen frierten und hungerten, ob sie ohne meine Unterstützung überlebten oder elend starben, war mir egal. Die Kranken und die Kinder blieben grundsätzlich ausgesperrt, bloß den einen oder anderen leistungsstarken Facharbeiter nahm ich bisweilen auf.

Sympathisch geht anders

Ist das sympathisch? Natürlich nicht. Bin ich im wirklichen Leben auch jemand, dem das Schicksal und die Not von Flüchtlingen egal ist? Um Himmels willen, natürlich nein! Ganz im Gegenteil, wenn es um richtige Menschen im richtigen Leben geht, bin ich ein liberales Weichherz.

Aber bei diesem Spiel - und bei Spielen allgemein - kann ich ohne Furcht, echten Menschen zu schaden, einmal Dinge ausprobieren, die ich in Wirklichkeit nie übers Herz bringen würde. Und das übrigens nicht bloß bei Frostpunk.

Wenn ich Civilization zocke, kann ich eine faschistische Regierung etablieren oder einen autoritären Gottesstaat ausrufen, zum Erstschlag mit Atomwaffen greifen oder Truppen in Angriffskriegen um Erdölfelder verheizen. Würde ich das im wirklichen Leben auch machen, wenn ich eine Nation als Staatsoberhaupt mit diktatorischen Vollmachten anführen würde? Ganz im Gegenteil! Meine erste Amtshandlung wäre wohl die Ankündigung freier Parlamentswahlen, um mich selbst freiwillig zu entmachten.

Ein Let's Play, das verstört

Bei meinen Let's Plays zu Civilization hat sich noch nie ein Zuschauer beschwert, wenn ich friedliebende Nachbarn überfalle und Unschuldige meiner Machtgier opfere. Mich hat auch noch nie jemand gefragt, ob ich im wirklichen Leben auch ein solcher Völkerschlächter sei. Bei Frostpunk dagegen spüre ich derzeit von Folge zu Folge mehr, wie sich Zuschauer verstört von mir abwenden.

Anfangs habe ich mich innerlich darüber amüsiert. Dann hat es mich zunehmend irritiert, dass so mancher Zuschauer nicht mehr zwischen Schauspieler und Rolle unterscheiden kann. Zwischendurch habe ich mich erleichtert und froh gefühlt, dass so viele Leute aus meiner Community offenkundig ein Herz für Menschen in Not haben - und habe zugleich gehofft, dass sie auf diese Weise nicht bloß für Figuren aus Bits und Bytes empfinden, sondern auch für Menschen aus Fleisch und Blut.

Wie auch immer, eines offenbart sich dabei für mich. Frostpunk ist tatsächlich ein Spiel, bei dem aus Spiel Ernst wird. Die Entwickler haben eine Welt inszenieren können, die reale Gefühle bewirkt: Mitgefühl für Menschen in Not - und ein Schaudern vor Leuten, die ihr Herz vor dem Leiden anderer verschließen.

Üblicherweise sind meine "Tagebuch"-Blogbeiträge bloß für die Patrons zugänglich, die mich so großzügig unterstützen. Diese möchte ich um Verständnis bitten, dass ich diesen Artikel ausnahmsweise für alle Interessierten frei zugänglich mache - weil mir das Thema so wichtig ist!