Wertvoller Abfall

Fischhäute, Plastikverpackungen, alte Skischuhe, Töffgarnituren, die niemand mehr tragen will – was für andere Abfall ist, sehen Textildesignerin Sabina Brägger und Kunststoffexperte Daniel Schwendemann als wertvolle Rohstoffe.

Wenn es frisch vom Gerber kommt, ist das Störleder noch kratzig. Insbesondere die kleinen Knochenplatten, die sich in einem schmalen Streifen über dessen Mitte ziehen, muss Sabina Brägger erst von Hand mit Schleifpapier abschmirgeln, bevor sie das Leder mit dem Lasercutter in die gewünschte Form schneidet und daraus Taschen, Gürtel, Schlüsselanhänger oder Smartphonehüllen näht. Oder wie heute ein neues Armband für die Uhr einer Kundin.

«Normalerweise sind Uhrenbänder ziemlich kompliziert konstruiert, aus Ober- und Unterleder, oftmals haben sie auch noch Plastik drin», erklärt die 30-jährige Textildesignerin in ihrem Atelier, das sie Anfang 2016 im ehemaligen Verkaufsraum einer Sattlerei in Riedbach bei Bern eingerichtet hat – gleich gegenüber dem Bauernhaus, in dem ihr Grossvater aufgewachsen ist. «Meine Uhrenbänder bestehen einfach aus zwei Schichten Störleder. Hier ist nichts dran, was es nicht braucht. Aber sie sind nicht husch, husch gemacht, ich brauche dafür viel länger als für einen Gurt.»

Sanft streicht sie über die beiden in Form geschnittenen Lederstücke, deren nunmehr glatte, braun gemaserte Oberfläche an Kork erinnert. An der Schleifmaschine im Nebenraum hat sie ein paar Stellen ausgedünnt. Nun bestreicht sie die Lederstreifen mit wasserlöslichem Leim, bevor sie sie faltet und dann mit der Ahle feine Punkte ins Leder sticht, die anzeigen, von wo bis wo genau sie nähen muss. Erst dann nimmt sie vor der Industrienähmaschine Platz.


Mehr als 1000 Uhrenbänder hat Brägger bereits genäht, aus Leder von Stören aus dem Tropenhaus Frutigen. Früher landeten die bei der Störzucht anfallenden Fischhäute als Abfall in der Biogasanlage, doch im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit in Textildesign an der Hochschule Luzern (HSLU) entwickelte Brägger 2013 gemeinsam mit einem lokalen Gerber ein Verfahren, um aus den Fischhäuten Leder zu machen. «Beim normalen Gerbprozess würden sich die Proteinketten auflösen und man hätte einfach eine Pampe», erklärt sie. In ihrer Bachelor-Arbeit testete sie auch die Eigenschaften des Fischleders, und sie bemerkte, dass es im Vergleich zu anderem Leder viel weniger schnell spröde wurde, als sie es wiederholt in Wasser einlegte und wieder trocknen liess. Gute Eigenschaften für ein Uhrenarmband, fand sie, und schrieb mit ihrer Idee Uhrenfirmen an. Bei Ochs und Junior hiess es, komm doch vorbei – und ein paar Wochen später, an der Abschlusspräsentation ihrer Arbeit, konnte sie bereits den ersten Prototyp eines Uhrenarmbands zeigen.

Für ihre Arbeit erhielt sie den Nachhaltigkeitspreis HSLU 2013 und weitere Auszeichnungen. Nachhaltigkeit ist ihr wichtig. «Während des Studiums haben mir Lehrveranstaltungen zum Thema und ein Praktikum klargemacht: Es hört nicht beim schönen Müsterli auf, das du am Computer zeichnest. Die Abläufe, die Produktion, die Farbstoffe – so vieles ist in der Textilproduktion nicht nachhaltig.» Eine Weile lang sei sie deshalb nicht sicher gewesen, ob sie ihren Abschluss überhaupt machen wolle. Und habe dann beschlossen, nur mit Materialien zu arbeiten, von denen sie genau weiss, woher sie kommen und wie sie produziert wurden. Am liebsten mit solchen, die andere für wertlosen Abfall halten. Wie Störleder. Oder Restleder, das in der Sattlerei anfällt.

Um auch ganz kleine Stücke oder solche mit unschönen Stellen oder Kratzern verwenden zu können, hat sie eine Designlösung entwickelt: eine Art Lederblümchen, die sich ineinander verzahnen und so zu grösseren Flächen zusammensetzen lassen, und die sie als Applikation auf ihren Taschen einsetzt. Von einer Kundin der Sattlerei hat Brägger auch mehrere Kisten alter Töff-Ledergarnituren erhalten, die sich aufgrund des aus der Mode gekommenen Schnitts nicht mehr verkaufen liessen. Brägger trennt die Nähte auf und fertigt aus den Jacken Rucksäcke, aus den Hosen grosse Taschen. Ihre Produkte sind nicht billig, ein Uhrenarmband verkauft sie für 250 Franken. Sie betont: «Wenn ein Arbeiter nur einen Franken im Tag verdient, kann das Band schon 20 Franken kosten, aber von solchen Löhnen kann man hier nicht leben. Ich bezahle für ein fertig gegerbtes Störleder mehr, als ein fertiges T-Shirt im H&M kostet.»

Abfall, Ökobilanzen und Lebenszyklen verschiedener Abfallkategorien sowie die Frage, wie und unter welchen Umständen Abfall wieder als Ressource genutzt werden kann – das erforscht die Umweltingenieurin Melanie Haupt am Institut für Umweltingenieurwissenschaften der ETH Zürich. Sie war auch an einem Projekt des Nationalen Forschungsprogramms 70 zur Energiewende beteiligt, welches den möglichen Beitrag des Abfallmanagements zur Energiewende untersuchte. «Im Abfall steckt viel Energie, sowohl direkt als auch indirekt», sagt die Forscherin.

Einerseits lässt sich aus den gut 2,8 Millionen Tonnen Siedlungsabfällen, die durchschnittlich jedes Jahr in den 30 Kehrichtverbrennungsanlagen der Schweiz landen, Wärme gewinnen oder Strom herstellen. Alle in den Kehrichtverbrennungsanlagen verbrannten Abfälle decken laut Haupt etwa 4 Prozent des Strombedarfs der Schweiz. «Das grössere Potenzial der Abfallwirtschaft liegt aber meist darin, dass dank Recycling Energie eingespart wird. Nämlich dann, wenn wir dadurch Primärmaterialien ersetzen können, die energieintensiv produziert würden.»

Von den Siedlungsabfällen wird heute etwa die Hälfte fürs Recycling gesammelt, die andere Hälfte wird verbrannt. «Bei Papier und Karton sind wir relativ gut dabei, aber aufgrund der grossen Mengen könnte man noch viel rausholen, indem man mehr und sauberer sammelt», sagt sie. Bei Glas sei die Sammelrate mit rund 94 Prozent bereits sehr hoch. Aber Haupt betont: «Es gibt keinen Grund, nicht noch mehr zu sammeln. Dass es im Haushaltsabfall auch Glas oder Papier braucht, damit er gut brennt in der Kehrichtverbrennungsanlage, ist ein Mythos.» Der grösste Abfallstrom, der bisher noch kaum in der Separatsammlung landet, ist Kunststoff, bei dem es mit Ausnahme von PET-Getränkeflaschen noch kein schweizweites Sammelsystem gibt.

«Wir müssen Plastikabfall unbedingt einen Wert geben», sagt Daniel Schwendemann. Über zehn Jahre war der studierte Maschinenbauer beim deutschen Maschinen- und Anlagenbauer Coperion tätig, wo er unter anderem Recyclinganlagen für Kunststoffe mitentwickelte. Seit er 2010 eine Professur am Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung (IWK) der Technischen Hochschule Rapperswil übernommen hat, zeigt er in Lehrveranstaltungen und Projekten immer wieder auf, was beim Kunststoffrecycling alles möglich ist. 365 Millionen Tonnen Kunststoff wurden im Jahr 2019 weltweit produziert, etwa 40 Prozent davon sind Verpackungsmaterialien. «Wenn wir es schaffen, dem ein zweites Leben zu geben, haben wir schon sehr viel geschafft», sagt Schwendemann. Die Zeit eilt, sagt er: «Die Schweiz selbst hat kein Plastikproblem, denn wir haben viele Kehrichtverbrennungsanlagen. Aber wir sind die Ausnahme. Die UNO schätzt, dass jede Minute eine LKW-Ladung Kunststoffmüll im Meer landet, hauptsächlich in Ländern, die kein Müllmanagement haben. In ganz Afrika gibt es eine einzige Kehrichtverbrennungsanlage.»

In der grossen Halle, die ihm und seinem Team als Labor dient, überprüft ein Mitarbeiter gerade die Einstellungen einer Spritzgussmaschine, an der eine Sekundarklasse morgen im Rahmen eines Schnuppertages Kunststoffbrillen produzieren wird. Ein anderer Mitarbeiter feilt an einem Metallteil, das er bei einem der Extruder einsetzen wird – einer Maschine, in der Kunststoff geschmolzen und durch eine Düse in die gewünschte Form gedrückt wird, um etwa eine Platte, eine Folie oder ein Rohr zu produzieren. Schwendemann führt zur wichtigsten Maschine im Raum, dem so genannten Doppelschnecken-Extruder oder High-Performance-Thermomixer, wie er den blau-grauen Metallkoloss fast liebevoll nennt. In drei grosse Metalltrichter kann man zerkleinerte Plastikteilchen sowie Zusatzstoffe hineingeben, die die Eigenschaften des Plastiks beeinflussen. Die Maschine schmilzt, mischt, knetet und entgast die Masse und drückt sie durch ein Sieb, um hinten wieder Kunststoffpellets auszuspucken. Im Moment steht sie still. «Wir machen Forschung: Sobald ein Prozess optimiert ist und funktioniert, stellen wir die Maschinen ab», sagt Schwendemann entschuldigend.

Was sein Team seit acht Jahren regelmässig in einen der Trichter gibt, sind geschredderte Skischuhe. Beziehungsweise deren harte Schale, die aus so genanntem TPU-Kunststoff besteht. Die Behindertenwerkstätte Argo in Davos sammelt jeden Winter an die 8000 alte Skischuhe aus den Bündner Skigebieten, Mitarbeitende trennen davon etwa 8 Tonnen reines TPU ab, sortieren es nach Farbe und schreddern es, alles in Handarbeit. Früher pressten sie die nicht nach Kunststoffsorten getrennten, geschredderten Skischuhe unter Beigabe eines Bindemittels zu Bodenplatten, doch dann verschärften sich die Brandschutzvorschriften, und die Plattenpresse fiel aus. So wandte sich Argo 2012 an Schwendemann. Acht Jahre und fünfzehn studentische Arbeiten später stellt Schwendemanns Team aus den geschredderten Skischuhen so genanntes Filament her, also Spulen mit langen Kunststoffdrähten, aus denen im 3D-Drucker neue Kunststoffobjekte gefertigt werden können, und verkauft es übers Internet. Das Projekt hat bereits mehrere Preise gewonnen, zuletzt den German Design Award «Special Mention» 2019. Die Begründung der Jury: «Der aus alten Skischuhen recycelte Kunststoff beweist einmal mehr eindrucksvoll, dass nachhaltige, recycelte Ware technisch, funktional und ästhetisch neuer Neuware in nichts nachsteht.»

Eigentlich möchte Schwendemann Produktion und Vertrieb längst einem Industriepartner übergeben, doch diesen zu finden, sei gar nicht so einfach: «Die Mengen sind klein, der Prozess aufwendig, der Profit gering», sagt er. «Da braucht es auch Endkunden, die sagen: Jawohl, wir wollen das.»

Im letzten Jahr landeten auch mehrere Tonnen geschredderter Ozeanplastik im mächtigen Trichter des Doppelschnecken-Extruders in Rapperswil. Das Basler Start-up Tide Ocean hat es an den Küsten und Stränden mehrerer Inselstaaten der Karibik und Südostasiens sammeln, sortieren, schreddern und in die Schweiz liefern lassen. Schwendemanns Team tüftelte dann, wie sich aus dem durch UV-Strahlung und Salzwasser stark geschädigten Kunststoff wieder hochwertiges Kunststoffgranulat herstellen lässt, erste Produkte kommen dieses Jahr auf den Markt. Das Projekt erhielt bereits mehrere Auszeichnungen, zuletzt im Januar 2020 an der Kunststoffmesse den Swiss Plastics Expo Award in der Kategorie Nachhaltigkeit. «Natürlich können wir von der Schweiz aus nicht das Problem des Ozeanplastiks lösen», sagt Schwendemann. Aber man könne helfen, den Wert von gebrauchtem Plastik aufzuzeigen. Denn er ist überzeugt: «Wenn man mit Plastikmüll Geld verdienen kann, wird ihn niemand mehr ins Meer werfen.»

«Plastikabfall einen Wert zu geben, ist an sich ein super Gedanke», sagt Melanie Haupt. «Das Problem ist aber, dass wir heute vielfach nicht wissen, was überhaupt im Plastik drinsteckt.» Mehr als 10’000 Additive würden eingesetzt, um ihm die gewünschten Eigenschaften zu geben, die genaue Zusammensetzung sei heute Betriebsgeheimnis der Produzenten. Dies müsste sich ändern, wenn Plastik auch nach der ersten Nutzung noch einen Wert haben soll, sagt Haupt: «Theoretisch könnte man jedes Kunststoffprodukt mit einem QR-Code versehen, der die Inhaltsstoffe angibt. Dann könnte man es einfach sortieren und sagen: Aus dem Plastik mit Flammschutzmittel gibt es wieder ein Elektrogerät, aus dem Joghurtbecher wieder eine Lebensmittel-Verpackung.»

Doch auch wenn im Abfall teilweise noch grosser Wert steckt, betont sie: «Wenn wir als Schweizer Bevölkerung ökologischer werden wollen, müssen wir anders wohnen, anders essen und uns sinnvoller fortbewegen. Mit dem Abfall allein werden wir die Welt nicht retten.» Allerdings könne das Thema Abfall die Leute sensibilisieren, da es alle betreffe. Deshalb findet sie auch Projekte wie das Skischuh-Recycling wertvoll, oder dass Sabina Brägger für ihre Uhrenarmbänder Fischhäute verwendet, die andernfalls im Abfall landen würden: «Die Projekte an und für sich sind wohl wenig relevant für die Ökobilanz der Schweiz. Aber solche Kleinprojekte können den Leuten die Augen öffnen dafür, was alles möglich ist. Und sie im besten Fall dazu bringen, ihr Konsumverhalten zu ändern.»

Dieser Text ist bereits in der Schweiz-Ausgabe 07-2020 von GEO erschienen.
Bilder: Martina Huber


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