Woran ich aktuell arbeite (Szene aus meinem Fantasy)

  

— Sharentheon. Am 1561. Herrschaftstag der Ewigen Vau. Shithaun (Fluss aus Licht / 1. Monat). —

In einem Netz glühender Risse sitzt Ziniris wie eine Spinne: die Stadt ist Mittelpunkt der Welt. Aus den Lavaspalten, die sich verästeln in gewisser Entfernung, kriecht ein tiefes Glimmen. Es dringt nicht weit, jedenfalls nicht bis hierher an die Außenmauern. Auch der vibrierende Glutgesang nicht, den die Feueradern von sich geben seit aller Ewigkeit, er wird überlagert vom Lärm aus dem Stadtinnern: Es pochen, stampfen und klirren die Hammerwerke. Wie jedes Jahr zur Morgendämmerung pressen sie Stahl, schlagen Rüstungsteile.

Keine sechs Wochen mehr, dann wird die Legion marschbereit sein … Und da draußen? Was geschieht da? Sharentheon, der Priester, muss sich weit über die Brüstung beugen, um Geräusche von außerhalb zu erlauschen. Da! Ein Wispern und Zischeln nistet in seinem Ohr, von so weit unten dringt es herauf? Es scheint die ganze Stadt zu umschließen. Schlangengrube. Schau grundlos über die Mauer – und schon bist du verdammt.

Angestrengt späht Sharentheon hinaus in die … Verdammnis. Hinter den glühenden Spalten zeichnen sich schwach einige Zacken und Buckel ab. Was für ein dummer Aberglaube. Und doch lässt sich die Beklemmung nicht einfach fortwischen. Nein, fortwischen lässt sie sich nicht … Er beugt sich vor. Er schwankt und muss sich auf die Brüstung stützen, der Stein ist eisig. Da liegt Hilshulais senkrecht unter ihm. Am Fuß der Stadtmauer ist es stockdunkel. Hilshulais. Ein schmaler Streifen, weniger als acht Dutzend Schritt breit, der nachts die Stadt komplett umschließt: Hier siechen die Ausgestoßenen … vielleicht mehr Menschen, als in ganz Ziniris.

Man kann nichts erkennen. Man hat das Gefühl, der Elendsstreifen sei ein Lebewesen, das hungrig in der schwarzen Tiefe lauert. Bei Helligkeit, ich wette, kein anderer Priester kennt den Anblick so gut wie ich, würde man sehen, dass es ein von Geschwüren geplagtes Wesen ist, das tagsüber an der sonnenabgewandten Seite der Mauer kauert und langsam mit dem Schatten wandert. Es besitzt keine Form, nur eine Kruste aus ineinander wuchernden, übereinander geschobenen Behausungen, hinfällige Bleiben. Alles krallt sich am mächtigen Mauerring fest, als wolle es sich davor retten, im nahen Staubozean zu versinken.

Sharentheon hält sein auffälliges Priestergewand unter einem schlichten grauen Filzmantel verborgen, der zusätzlich Wärme gibt. Niemand, der bei Sinnen ist,  drückt sich freiwillig hier oben herum. Vor allem dann nicht, wenn er … in den größten und luxuriösesten Tempel der Stadt gehört – und … einen makellosen Ruf besitzt, der Grundstock meiner Familie.

Kein einziger Mond steht am Himmel, nur wenige Sterne. Wenn Sharentheon die Schwärze hinter den Gräben genau betrachtet, dann beginnen sich dort Konturen herauszubilden. Der zehn Monate währenden Dunkelheit ist ein Schleier geraubt worden, der zur absoluten Finsternis nun fehlt. Ein paar Stunden auf diesem zugigen Ausguck bringen ihm den Tag nicht näher. Irgendwann würde es wieder hell sein, überall in der Stadt, die Veränderung geschieht binnen Wochen. Es gibt hier überhaupt nichts zu sehn. Geschweige denn zu begrüßen.

Er zuckt unwillkürlich mit den Achseln. Er, der angesehene Eshizu, Wunderheiler der göttlichen Vau, ertappt sich regelmäßig dabei, wie ihn seine Schritte in die äußeren Bezirke der Stadt führen – und … hinauf auf die verfluchte Mauer. Besonders in Zeiten der Dämmerung. Nur eine Gewohnheit. Eine Schrulle. Was stell ich mich so an, war doch nie ein Problem. Der Priester verschränkt die Arme eng vor der Brust. Hier herrschen ganz andere Temperaturen als unten, in der warmen, leuchtenden Stadt. Eisig hier. Und doch: er genießt es. Wie kalt es wohl da draußen ist? In einer Woche kann man den Horizont klar erkennen. Habe nie gesehen, was dahinter liegt. Er seufzt, als er sich bei einem alten Wunsch ertappt. Irgendwann werde ich mich einer Karawane anschließen. Er hat nie die Möglichkeit gehabt für derlei Abenteuer.

„Herr, es ist kalt. Wenn es Euch beliebt, wir haben einen Hitzeschacht im Turm geöffnet.“

Ein Lennahrin der Wache ist an ihn herangetreten, mit gesenktem Kopf. Sharentheon hat ihn kommen hören und seinen Rang an der Armbinde erkannt. Er hätte lieber seine Ruhe.

Der Mauerwächter steht vor ihm und rührt sich nicht. Sharentheon irritiert das. Die Aufmerksamkeit der Wache hat dem Feind zu gelten. Den Staubkriegern, die da draußen um die Welt ziehen – mit Oarel, dem Lebensmonat. Noch nicht. Oarel … zwei Monate noch, dann hat der gute Mann wieder etwas zu tun. Der aber scheint zu glauben, sich gutstellen zu müssen. Ein ganz eifriger. Ein Speichellecker. Ich muss ihm etwas zu tun geben, eine Anweisung – bevor er hier festwächst.

„Nein. Unnötig. Geh zurück auf deinen Turm.“

Sharentheon hat unwirsch geantwortet. Der Lennahrin, grau im schwachen Widerschein der Stadt, nickt und entfernt sich schweigend. Sharentheon weiß ja, dass es noch Wochen dauern wird, Wochen nach Tagesanbruch, bis der Feind überhaupt in die Nähe der Stadt gelangen kann. Alles hat er darüber gelesen! Die Staubkrieger, dazu verdammt, Jahr für Jahr um die Welt zu wandern, müssen ausgerechnet in der Nähe von Ziniris das große Staubmeer passieren, auf einer etwa zweihundert Kilometer breiten Landbrücke. Dabei müssen sie in einem Korridor bleiben, der die Passage auch nach vorne und nach hinten begrenzt. Dieser Korridor, das ist der Lebensmonat Oarel. Nach Sharentheons Studienwissen ist er kaum mehr als tausend Kilometer breit.

Für ihn eine Entfernung jenseits aller praktischen Erfahrung – und doch scheint es dem Gelehrten nicht viel, wenn man bedenkt, wie weit die lebenspendenden Geysire auseinander liegen … und dass es doch einige Hundert, wenn nicht sogar mehr als tausend Stämme sind, die sich in diesem Korridor drängen und sich von ihm nähren müssen. In ihn sind sie hineingezwängt, in diesen einzigen Monat, der unbarmherzig um die Erde wandert: ewig vor ihnen die klirrende Kälte – stets in ihrem Rücken die Todeshitze des Tages. Und hier werden sie dann noch einmal eingeengt, durch den … Weltenpass, wie sie ihn nennen.

Sharentheon würde sich am liebsten ungestört in seine Schriften vertiefen, von Wachphase zu Wachphase, N’ene für N’ene. Studien über die Geschichte der Menschheit auf dieser Welt! Studien über Magie und Geistreisen! Stattdessen ist er dazu gezwungen, Patienten zu beglücken, Verzweifelte zu heilen, Wunder der Genesung zu wirken. Während er also vor lauter Aufgaben nicht ein weiß und nicht aus … und mich auch noch hier oben herumtreibe! Was für eine Zeitverschwendung … weiß dieser Wächter derzeit tatsächlich nichts zu tun. Was für ein Leben! Eine  unüberwindbare Mauer bewachen! Und sonst nichts tun müssen, als … von ihr herunter starren. Sharentheon seufzt.

Er hätte dem Mann wenigstens befehlen sollen, den Wärmeschacht zu schließen. Es gibt keinen Grund, wegen mir auf der Mauer Energie zu ... Diesen Gedanken kann er nicht zu Ende fassen.

Ich schwanke! Alles bewegt sich, es bewegt sich … die Mauer! Was … !? Reaktionsschnell wirft sich Sharentheon zu Boden, der zu zittern beginnt, verdammt, die ganze verfluchte Mauer bebt, bei der Vau! Ein schrilles Vibrieren geht ihm durch und durch, sein Blick wird vom nächstliegenden Wachturm angezogen, denn dort geschieht: Unerhörtes! Der Turm: platzt! Das gibt es nicht! Wie eine überreife Frucht, die man in der Hand zerquetscht, bricht die Turmflanke auf und spuckt (kein Fruchtfleisch, sondern …) Glut, als täte sich die Erde auf, hier oben! Verrückt!

Instinktiv sucht Sharentheon Schutz hinter einem metallenen Vorsprung. Die sich klar abzeichnende Kontur des Lennahrin, der längst auf dem Weg zum Turm ist, brennt sich in seiner Erinnerung ein: Wie sie von einer unsichtbaren Kraft erfasst … wie Papier … und in die Tiefe gerissen wird. Schon ist das Tosen über ihm, jetzt! Sharentheon hat sich schon zusammengekauert, birgt jetzt den Kopf zwischen den Armen und presst die Augen zu, als ihm ein Knall auf die Ohren schlägt und Hitze sich in Gesicht und Rücken krallt, brennt … – rote Flecken tanzen und tanzen, begleitet von einem Pfeifton in seinem Schädel. Und tanzen. 

Der Priester weiß, dass er noch oben auf dem Wehrgang kniet, unverletzt. Es stinkt, verbranntes Haar und Schwefel. Sharentheon tastet nach seinem Haupt. Ich bin noch da! Aber sein Haar – fühlt sich krauser an als normal. Er öffnet die Augen. Nicht zu fassen, verdamm mich! Bei der Vau! Dort, wo gerade noch der Wachturm gewesen: eine glühende Wunde. Der Wehrgang bis wenige Meter vor ihm eingebrochen. Dass ich noch lebe … ein Wunder. Ein wahrhaftiges.


[PS: weitere Einblicke in mein Schreiben sind für Unterstützerinnen und Unterstützer geplant ...]